Lesung an zehn Orten Passgenau

250 Zuhörer genießen die literarischen Lesungen an zehn Stationen in Dachau. Die Texte sind auf das Ambiente der Orte zugeschnitten, so dass eine dichte Atmosphäre aus Inhalt und Raum entsteht.

Von Johannes Korsche, Dachau

Veranstalter Bernd Hohlen ist vom Publikum begeistert. Im fünfmal so großen Freiburg seien bloß 400 Besucher mehr gekommen als in Dachau. Die etwa 250 Zuhörer der Late-Night haben die literarischen Lesungen in Form einer Rundfahrt zu zehn Stationen in der Stadt genossen. Am Freitagabend fuhren Shuttlebusse der Stadtwerke ständig zu zehn verschiedenen Standorten wie dem Andachtsraum des Dachauer Klinikums oder der Kinderkrippe Sankt Clara. Bernd Hohlen empfindet vor allem die Idee, in literarische Lesungen die Texte auf die jeweiligen Orte abzustimmen, als ganz besonders gelungen. Und er hat Recht.

Eine Station der literarischen Late Night in Dachau: Gabriele Fischer sitzt auf einer Druckerpresse der KVD-Druckwerkstatt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Manche Zuhörer müssen sogar auf dem Teppich Platz nehmen, da alle Stühle besetzt sind. Gemälde und Bilder schmücken die Wand. Doch kein Besucher schenkt der Einrichtung besondere Beachtung. Denn Christian Ballhaus liest, in Florian Hartmanns Chefsessel sitzend "Eine peinliche Staatsaffäre". Darin erzählt Autor Jaroslav Hašek eine Geschichte über den geistigen Zustand seiner Hoheit, Serenissimus, Fürst von Ochsenhausen, und damit über die Versuchen des Ministerrats, einen Ausweg zu finden. Die Grundsatzfrage ist die nach der angemessenen Loyalität. Nun ist Dachau nicht Ochsenhausen und Hartmann nicht der Serenissimus, aber die Lesung vermittelt einen kurzweiligen Eindruck von der politischen Sprengkraft, die Literatur mitunter entfalten kann. Deshalb passt die ironisch-hintergründige Erzählung in ein offizielles Amtszimmer.

Christian Ballhaus liest im OB Amtszimmer eine Geschichte über Macht und Loyalität.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In Sitzungssaal B des Amtsgerichts sitzt Tinka Kleffner am Zeugenstand und liest die Geschichte vom Schicksal der Elfriede Scholz vor, Schwester des berühmten Schriftstellers Erich Maria Remarque ("Im Westen Nichts Neues"). Die Zuhörer erfuhren durch deren Briefe aus dem Gefängnis, der Anklageschrift und dem Wortlaut des Todesurteils davon, wie die Nationalsozialisten unliebsame Gedanken dadurch zu verhindern versuchten, indem sie Menschen ermordeten. Der letzte Brief an ihren Mann endet mit den Worten: "Ich habe dich sehr geliebt." Kein Wunder also, dass der nächsten Gruppe beim Rausgehen geraten wird: "Holt die Taschentücher raus."

Im Stil des Bandübungsraums von Orange Fizz inszeniert sich Matthias Ubert musikalisch.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In der Druckwerkstatt der Künstlervereinigung Dachau nimmt eine Gruppe von etwa 30 Zuhörern Platz. Manche stärken sich mit einem Eis - es ist inzwischen spät geworden, und viele haben schon etliche der insgesamt zehn Stationen hinter sich. Aber Gabriele Fischer erzählt lebendig, auf einer alten Druckpresse sitzend, die Geschichte des Papierhändlers Petiška, der 2000 Bilder des Kaisers Franz Joseph I. in seiner tschechischen Heimatstadt Prag verkaufen will. Weil seine Drucke nicht den per Erlass festgesetzten Maßen entspricht, verkaufen sich die Bilder nur schlecht. Daran ändern auch Zeitungsannoncen nichts, im Gegenteil: Sie sind der Grund, weshalb er wiederholt in Schwierigkeiten mit der Polizei gerät. Die Wortwahl der Werbung entspricht einfach nie den Wünschen der Zensurbehörde. Zwar landet auch Petiška, wie so viele Protagonisten an diesen Abend im Gefängnis, doch das ändert nichts an der heiteren Stimmung und dem Gelächter, das die Geschichte bei den Zuhörern hervorruft. Zum Abschluss dürfen die Zuhörer den etwas zu großen Kaiser Franz selbst drucken und gegen eine kleine Spende mit nach Hause nehmen.

Im Friseursalon Sectio Aurea bietet Daniela März, ehemaliges Mitglied des Ensembles der TV-Serie "Dahoam ist Dahaom", ein "Leben im Zeitraffer". Sie fasst den Roman "Der Mann mit dem Rasiermesser" über Jan Baudyš in einer Viertelstunde zusammen. Der Protagonist wird 1914 geboren und ist ein genialer Dilettant. Alles, was er anfasst, und das ist viel in seinem Leben, führt er nicht zu Ende - aber das aus vollem Herzen. Baudyš wird sodann eines Tages Friseur, der einzige in der Stadt mit einer Glatze. In der MD-Papierfabrik zieht sich Thomas H. Schiffmacher eine schwarze Kapuze über den Kopf. Kafkas Geschichte ("Der Bau") eines Tieres, das über seinen unterirdischen Bau nachdenkt und sich zunehmend von inneren und äußeren Feinden verfolgt fühlt, wird durch die Gestik und Mimik des Schauspielers eindrucksvoll unterstützt. Immer wieder springt er während der Lesung auf, durchmisst den Raum, verlässt ihn und kehrt wieder zu seinem Stuhl zurück. Ganz wie ein gejagtes Tier, immer in gekrümmter Bewegung. Für Schiffmacher ist der Ort der Lesung entscheidend für seine Aufführung: "Der Ort verändert sich bei jedem Mal aufs Neue, deswegen ist es hervorragend den selben Text an einem Abend so oft an selber Stelle zu lesen." Für ihn ist die Dachauer Late-Night eine besondere, weil "die Stimmung so angenehm" sei: "Ich lese einfach gerne in Dachau." Der Augsburger Verein Meridan wird die Late-Night nach diesem Erfolg sicher fortführen wollen.