Lehrer und Musiker Wider den pädagogischen Ernst

Er musiziert, rechnet und lacht gern: Bernhard Gruber hat zwei Berufe, die er mit Leidenschaft ausübt: Musiker und Mathematiklehrer.

(Foto: Jørgensen)

Bernhard Gruber komponiert die Musik für die Couplet AG und steht fast jedes Wochenende mit der Gruppe auf einer Bühne. Unter der Woche aber unterrichtet der 46-Jährige an einem Dachauer Gymnasium Mathematik - ein Lehrer, der für seinen Beruf brennt.

Von Gregor Schiegl

Von Lehrern heißt es oft, sie seien faule Menschen. Bernhard Gruber zum Beispiel: Er unterrichtet nur elf Stunden in der Woche am Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasium. In der Schülerzeitung haben sie deswegen einmal die Quizfrage gestellt, welchem Hobby Herr Gruber wohl nachgehe. Die richtige Antwort: Mathelehrer. Bernhard Gruber lacht schallend, als er an einem Cafétisch in der Dachauer Altstadt davon erzählt. Der 46-Jährige lacht überhaupt sehr viel. Fast möchte man meinen, Lehrer sei ein witziges Metier. Ist es natürlich nicht. Lehrer ist ein ernsthafter Beruf wie, sagen wir: Musikkabarettist. Diesem Beruf geht Gruber nämlich auch nach, denn ein Hobby kann man es beim besten Willen nicht nennen: Fast jedes Wochenende steht Gruber mit der Couplet AG auf der Bühne. "Wir sind die älteste nicht verwandte und nicht verschwägerte Musikkabarettgruppe Bayerns." Die Wellküren, die Well-Schwestern Moni, Vroni und Burgi, stehen seit 1986 auf der Bühne, die Couplet AG immerhin seit 1993. In diesem Jahr wird sie 20 Jahre alt.

Die mit dem Bayerischen Kabarettpreis ausgezeichnete Gruppe hat Gruber nicht nur durch diese zwei Jahrzehnte begleitet, er hat sie auch musikalisch geprägt: Er ist derjenige, der für die Kompositionen verantwortlich zeichnet - auch für die Musik im Jubiläumsprogramm "Perlen fürs Volk", das im März Premiere haben wird. Und wie kunstfertig er dabei zu Werke geht, mag man daran ermessen, dass die Erben Karl Valentins ihm die Rechte eingeräumt haben, die Musik zu den Liedern des Münchner Komikers zu komponieren, von denen vielfach weder Noten noch Tonaufnahmen erhalten sind.

Doch zurück zur Couplet AG, zurück zu den Anfängen: Eines Tages stieß Gruber auf eine Zeitungsannonce. Ein gewisser Jürgen Kirner, Gründer und Liedtexter der Couplet AG, suchte einen "Vollblutmusikanten". Gruber meldete sich. Man traf sich im Alten Wirt in Untermenzing. Am Nebentisch wurde gerauft, während man sich unterhielt. "Einen haben sie sogar aus dem Fenster geworfen", sagt Gruber und lacht. "Ist aber nichts passiert." War ja nur Erdgeschoss. Dann war Gruber engagiert. "Jürgen hat nicht mal gefragt, was für Instrumente ich spiele."

Es sind mittlerweile sehr viele: diatonische Harmonika, Melodika, Gitarre, E-Bass, Percussion und Maultrommel. Vor einigen Jahren hat er sich auch Blues-Harp beigebracht - beim Autofahren. Jede rote Ampel nutzte er, um ein bisschen zu üben. Bis das Licht wieder auf Grün sprang. Auf dem Beifahrersitz hat Gruber auch immer Notenpapier liegen. Für den Fall, dass ihm eine zündende Idee für eine hübsche, eingängige Melodie kommt, denn so etwas braucht man für ein gutes Couplet.

Bis in die 1920er Jahre hinein war das Couplet eine verbreitete Kunstform fahrender Sänger. Heute muss man den Leuten erstmal erklären, was das überhaupt ist, ein Couplet, nämlich ein gereimtes satirisches Lied mit einem eingängigen Refrain. "AG" in der Couplet steht übrigens nicht für Aktien-, sondern für Arterhaltungs-Gesellschaft. Gewissermaßen züchtet, pflegt und verbreitet sie das Couplet, das fast als ausgestorben galt.

Vor Jahren hat die bayerische SPD einmal den Fehler gemacht, die Couplet AG zu ihrem "Aufruf zur Phantasie" einzuladen. Danach bekam sie Auftrittsverbot, "weil wir der Politikverdrossenheit Vorschub leisten". Und dabei lacht Gruber, als sei er ein Oberschüler, dem ein besonders durchgeknallter Streich gelungen ist. Die Couplet AG schießt ihre Spottpfeile nicht nur ins schwarze Lager - aber natürlich auch dies. Gruber erzählt von Auftritten bei der CSU und beim Landespresseball und welche Nummern sie da alle nicht hätten spielen dürfen: "Wir haben sie alle gespielt."

Ein Lehrer ohne Respekt vor den Autoritäten - das ist nicht ganz ohne Risiko. Immerhin ist sein Arbeitgeber der Freistaat Bayern, das Kultusministerium und irgendwie ja auch die staatstragende CSU. Aber Gruber ist ein furchtloser Mann. Wenn man ihn fragt, spricht er offen darüber, dass die Schüler mit den vollgestopften Lehrplänen inzwischen kaum mehr die Chancen haben, Informationen auch zu verarbeiten, wirklich zu lernen, sich Kompetenzen anzueignen, mit denen sie erfolgreich ein Studium absolvieren können.

Man hat nicht das Gefühl, dass hier ein frustrierter Pädagoge gegen das Kultusministerium wütet, sondern dass da einer für seinen Lehrerberuf brennt. Ihm gehe es darum, die Jugendlichen zu eigenständigen, eigenverantwortlichen Menschen zu machen, sagt Gruber. Die Mathematik ist für ihn auch keine Dressur zur Anwendung von Formeln, "das ist eine Geisteswissenschaft", sagt er feurig, "da geht es auch um Logik". Vier Semester Philosophie haben ihre Spuren hinterlassen.

Dass Bernhard Gruber Mathe- und Physiklehrer wurde, ist rückblickend betrachtet, recht erstaunlich. Aufgewachsen in Piding bei Bad Reichenhall ("ein katholischer Sumpf"), entscheidet er sich für den Eintritt ins Priesterseminar. Drei Jahre bringt er dort zu, macht das Vordiplom, darf sich mit dem Titel "candidatus theologicus" schmücken. "Aber wie beim Heiraten muss man sich gut überlegen, ob man das wirklich durchziehen will." Er tut es nicht, er heiratet lieber: eine Pastoralreferentin. Mit ihr wohnt er in einem Häuschen in München, sie haben zwei Kinder. Es ist Grubers Vater, der ihn überredet, noch einmal zu studieren: Mathe und Physik fürs Lehramt.

Dass Gruber Musiker geworden ist, muss dagegen weniger erstaunen. Der Großvater war Wilderer, nach einer Schussverletzung musste er von seinem gesetzlosen Tun lassen und wurde Wandermusikant. Der junge Bernhard lernte sieben Jahre lang diatonische Harmonika, unter anderem bei dem Reichenhaller Volksmusiker Matthias Häusler, besser bekannt als Häusler Hias. "Dem habe ich mein ganzes musikalisches Grundgefüge zu verdanken." Bei der Bundeswehr dient Gruber als Gebirgssanitäter. Stets führt er einen großen Koffer mit sich, auf dem ein rotes Kreuz prangt, Inhalt: die Ziehharmonika. "Musik war mir immer das Wichtigste."

Der Teilzeitlehrer weiß sehr wohl, dass er - auch dank des Rückhalts der Schulleitung am Ignaz-Taschner-Gymnasium - mit seinen regelmäßigen Ausflügen auf die Bühne ein seltenes Privileg genießt. Und er weiß, dass er als Lehrer dafür mehr leisten muss als andere. Dass er sich an einem schlechten Tag nicht einfach mal durch den Unterricht schleppen kann. Dass er nach einem Wochenende voller Auftritte sich nicht krankmelden kann, wenn er keine Stimme mehr hat. Auch sonst hat er mit dem Dachauer Gymnasium einen echten Glücksgriff gemacht. "Das ist noch eine heile Welt." Er kennt auch andere Schulen.

Vor vielen Jahren war Gruber am Oskar-von-Miller-Gymnasium in München, eine Schule voller Hoffnungsträger mit reichen und einflussreichen Eltern, "eine interessante Klientel". Bei einem Elternsprechabend, erzählt er, habe sich eine Mutter über die Note beschwert, die er ihrem Sohn gegeben hatte. Zu guter Letzt habe die Frau ihm wutentbrannt ins Gesicht geschleudert: "Ich kenne mich aus im Umgang mit Menschen: Mein Mann ist Rechtsanwalt und ich bin Tierärztin!" Da kann sich Gruber vor Lachen kaum auf dem Stuhl halten. "Vieles an der Schule ist Realsatire." Der Satz mit der Tierärztin hat Eingang ins Kabarettprogramm gefunden.

Sonstige Berührungspunkte zwischen dem Kabarettisten und dem Lehrer Gruber? "Als Lehrer bist du auch Schauspieler." Nicht in dem Sinne, dass man den Schülern etwas vormacht, "die merken sofort, wenn was nur Fassade ist". Aber Lehrer sei eben auch eine Rolle, die man spiele. Es ist eine, für die Gruber auch ironische Distanz zu sich selbst einfordert. "Man darf sich nicht zu ernst nehmen."