Kunstprojekt In der Farbwolke

Wie die Münchner Künstlerin Isabelle Dyckerhoff die Galerie der Künstlervereinigung Dachau in ein begehbares Bild verwandelt und dabei die Grenzen der Malerei erweitert

Von Wolfgang Eitler, Dachau

Die Flächen sind riesig und wandhoch. Auf ihnen sind nur Farben zu sehen. Mal als kleine Quadrate oder in sich geschlossene Fläche. Mal als pointierte Akzente in der weite eines grau changierenden Hintergrunds. Dann wieder ergeben die Rechtecke und Kreise heiter bewegte Kompositionen. Die Dachauer Malerin Karin Schuff ist von der Münchner Kollegin Isabelle Dyckerhoff immerhin so begeistert, dass sie im Gästebuch der Galerie der Künstlervereinigung Dachau (KVD) über die Ausstellung mit dem Titel "Extra Large Paintings" dezent ins Schwärmen gerät. Sie schreibt: "Schön."

Karin Schuff teilt mit Dyckerhoff den kunst- und kulturgeschichtlichen Hintergrund, der zugleich die internationalen Debatten über die Möglichkeiten der bildenden Kunst über Jahrzehnte maßgeblich bestimmte. Sie mündeten in die Frage, ob man in heutiger Zeit überhaupt noch Bilder in ihrer Zweidimensionalität und räumlichen Beschränktheit malen darf. Sind Videos - moderne Medien überhaupt - oder die Konzeptkunst nicht die zeitgenössisch adäquateren Ausdrucksmöglichkeiten als das Tafelbild? Solche Themen beschäftigen Karin Schuff, die sie mit ihren gestischen Abstraktionen und deren räumlichen Tiefenwirkung selbstbewusst beantwortet. Anne-Kathrin Norrmann aus Biberbach reflektiert ebenfalls darauf, indem sie Lichtkästen schafft, die noch Bild sind, aber auch schon Skulptur. Zudem entgrenzt sie die Objekte in Form raumgreifender Bildkonzeptionen. Der Dachauer Paul Havermann hat in den neuen Arbeiten zum Tafelbild zurückgefunden, erweitert es allerdings zu einem bewussten Spiel mit der Architektur des jeweils vorhandenen Raums.

Über mehrere Einzelbilder hinweg zieht sich eine einzige Farbkomposition, die wie eine bunte Wolke anmutet.

(Foto: Toni Heigl)

Vor zwei Jahren stellte Isabelle Dyckerhoff in der Münchner Galerie Michael Heufelder aus. Für Kunsthistoriker Ludwig Seyfarth hat die Malerin schon damals ihre ganz besondere Antwortgefunden, indem sie die Malerei entgrenzt: Nimmt man die einzelnen, großformatigen Gemälde in der KVD-Galerie, ist die Nähe zu ihrem Lehrer, dem Münchner Akademieprofessor Jerry Zeniuk und dessen bildfüllenden Farbexplosionen, unverkennbar. Spannend werden die Kompositionen, wenn Dyckerhoff Flächen übermalt. Dann erhalten sie etwas Unreines, Schmutziges. Man kann auch sagen, sie widerstehen der unmittelbaren Attraktivität reiner Farben. Die Raumkonzeption nimmt diesen Aspekt provokativ auf.

Beim Eintritt in die Galerie präsentiert die Künstlerin die Rückansichten von Leinwänden aus Nessel, bei denen die Farbe leicht durchschimmert. Sie kontrastiert damit die Erwartung einer repräsentativen Selbstdarstellung. Die ersten großen Bilder lassen die Distanz des Sehens nicht zu. Dyckerhoff zwingt zur unentrinnbaren Nähe. Erst später öffnet sich die Galerie, die eine mehrteilige Komposition lässig hingeworfener Flecken bestimmt. Der Raum wird zur Farbwolke. In ihr ergeben sich Durchblicke und Korrespondenzen zwischen den einzelnen Werken. Dadurch entsteht die Suggestion eines begehbaren Farbraums.

Einige Arbeiten erinnern an Jerry Zeniuk.

(Foto: Toni Heigl)

Isabelle Dyckerhoff: "Extra Large Paintings", Galerie der Künstlervereinigung Dachau in der Kulturschranne, bis einschließlich Sonntag, 21. Mai.