Karlsfeld Nadelöhr B 304 wird zum Pilotprojekt

Seit langem hofften die Karlsfelder auf Entlastung von Lärm und Abgasen. Jetzt soll der Verkehrspakt Großraum München eine Lösung bringen.

Von Gregor Schiegl, Karlsfeld

Der "Verkehrspakt Großraum München", den das bayerische Kabinett beschlossen hat, weckt in Karlsfeld Hoffnung. "Jetzt kommt vielleicht wieder Schwung in die Tunnelplanung", sagt der örtliche CSU-Fraktionssprecher Bernd Wanka. Schon seit rund 30 Jahren kämpfen Bürger und Kommunalpolitiker für einen Tunnel, der die Gemeinde vom massiven Durchgangsverkehr entlastet. Im Schnitt rollen inzwischen mehr als 40 000 Fahrzeuge über die vierspurige Bundesstraße B 304. Karlsfeld ist der Flaschenhals des Pendlerverkehrs aus dem Landkreis Dachau nach München. Informationen von Landrat Stefan Löwl (CSU) zufolge hat Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), eine Verbesserung der Situation an der B 304 zum "Pilotprojekt" des Verkehrspakts erklärt, der im Herbst starten soll.

Ziel des Verkehrspaktes ist es, die Zusammenarbeit von Freistaat und Gemeinden bei großen Verkehrsprojekten zu verbessern. Beteiligt sind mehrere Ministerien des Freistaats, der MVV und das Bundesverkehrsministerium. Ein Projekt wie den Tunnel unter der Münchner Straße (B 304) kann die Gemeinde Karlsfeld weder finanziell noch rechtlich alleine umsetzen; eine Vielzahl von Behörden und politischen Entscheidungsträgern muss mitspielen. "Wenn nur einer seinen Beitrag nicht leistet, fällt alles hinten runter", erklärt Landrat Löwl.

Bedenklich: die Verkehrsbelastung an der Münchner Straße in Karlsfeld. Inzwischen machen auch Großbetriebe wie MAN oder BMW Druck auf die Politik, etwas gegen den drohenden Verkehrsinfarkt zu unternehmen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Karlsfelds Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) begrüßt den Verkehrspakt "außerordentlich". Im Rahmen ihres umfassenden Verkehrsentwicklungsplans hatte die Gemeinde selbst immer wieder Vertreter der Stadt München, des Staatlichen Straßenbauamts und des MVV eingeladen. In Karlsfeld gibt es schon lange die Einsicht, dass die 22 000-Einwohner-Gemeinde ihre Verkehrsprobleme alleine nicht in den Griff bekommen kann. Welche Dynamik der Pakt tatsächlich entfaltet, muss sich erst noch zeigen. "Ich bin gespannt, wie es mit der Initiative weitergeht", sagt Kolbe und merkt kritisch an. "Es wäre schön, wenn dann auch mal was passieren würde und wir wenigstens mit den Planungen für den Tunnel anfangen können." Bis das Projekt fertig gestellt wäre, würde es dann ohnehin noch einige Jahre dauern. Schon jetzt ist die Straße am Limit. Morgens und abends geht es nur Stop and Go voran. Die Pendler sind genervt, Anwohner leiden unter Lärm und Abgasen. Immer wieder kommt es zu Grenzwertüberschreitungen, vor allem beim gesundheitsschädigenden Gas Stickstoffdioxid.

Die Betriebe machen Druck

Vor zwei Jahren war das Wunschprojekt der Karlsfelder überraschend aus dem Bundesverkehrswegeplan gestrichen worden. Nach Berechnung des Ministeriums würde der Bau des Tunnels wegen des hohen Grundwasserspiegels im Ort knapp 140 Millionen Euro kosten; in der Kosten-Nutzen-Abwägung fiel das Projekt durch. Erst auf Intervention des damaligen Verkehrsreferenten Bernd Wanka, seines Nachfolgers Johann Willibald und des Bürgermeisters, kam der Tunnel mit Option auf eine Kurzvariante im Abschnitt zwischen Allacher und Bajuwarenstraße.

Dass die B 304 nun in den Fokus des Ministerpräsidenten gerückt ist, hat allerdings weniger mit der Hartnäckigkeit der Karlsfeld zu tun. Bei einer Mitarbeiterversammlung des Nutzfahrzeugherstellers MAN, zu der auch Ministerpräsident Seehofer, eingeladen war, hatte Betriebsratschef Saki Stimoniaris im Juli Maßnahmen gefordert, um die Leistungsfähigkeit der schon jetzt überlasteten B 304 zu erhöhen. Für die großen Unternehmen im Münchner Norden ist eine funktionierende Verkehrsinfrastruktur ein wichtiger Standortfaktor. Seehofer reagierte prompt und kündigte einen Verkehrspakt mit Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) an, damit Verkehrsprojekte nicht länger im Zuständigkeitswirrwarr der Behörden stecken bleiben.

Verkehrsreferent Bernd Wanka hofft auf den Tunnel. Er fährt Rad, die Verkehrsbelastung in Karlsfeld ist hoch genug.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Wie dieser Verkehrspakt im Detail ausgestaltet sein soll, ist in vielen Punkten noch unklar. Medienvertreter waren bei der Betriebsversammlung nicht zugelassen. Allerdings hatte der Dachauer Landrat, den der MAN-Betriebsrat ebenfalls eingeladen hatte, mehrfach Gelegenheiten, mit dem Ministerpräsidenten über den Verkehrspakt zu sprechen, wie er der SZ mitteilt. Demnach sollen sich, entsprechend der jeweiligen Zuständigkeiten für wichtige Verkehrsprojekte, "Zweckgemeinschaften" der jeweiligen Behördenvertreter bilden. Pilotprojekt solle die B 304 sein.

"Wir brauchen im ÖPNV dringend Lösungen"

Dabei gäbe es noch viele weitere wichtige Verkehrsprojekte im Landkreis, die von dem Verkehrspakt profitieren könnten. Löwl nennt die Einrichtung von Tangentialverbindungen, einen S-Bahn-Nordring über die bestehende Güterzugtrasse, die vielleicht sogar bis Karlsfeld fortgeführt werden könnten. Ganz wichtig wäre auch eine separate Busspur auf der Münchner Straße, die dem Bus 172 einen deutlichen Fahrzeitgewinn bescheren würde. "Wir brauchen im ÖPNV dringend Lösungen", sagt Karlsfelds CSU-Fraktionssprecher Wanka. "Bei der S-Bahn erleben wir derzeit jeden Tag einen Totalausfall. Das kann man den Pendlern nicht mehr vermitteln."

Landrat Löwl hat dem Ministerpräsidenten in mehreren Gesprächen mitgeteilt, woran es aus seiner Sicht noch hapert. Viele wichtige Projekte - Beispiel Karlsfelder Tunnel - fielen durch, weil sie angeblich unwirtschaftlich sind. "Wir müssen andere Kriterien für den Raum München festlegen", sagt Löwl. Natürlich geht es auch um die Finanzierung, wobei derzeit genug Geld für Verkehrsprojekte vorhanden wäre. Doch den Behörden fehlten die Leute für Planungsrecht, klagt Löwl. Auch das verzögert Projekte, mit denen man im Prinzip sofort anfangen könnte.

In Karlsfeld sieht man diese Verzögerung mit Sorge. Was, wenn sich die Konjunktur vielleicht in ein paar Jahren eintrübe, fragt Bernd Wanka. Dann würde der Karlsfelder Tunnel wohl erneut von der Agenda verschwinden. "Das Eisen muss man schmieden, solange es heiß ist", sagt Wanka. Vielleicht war es noch nie so heiß wie heute.