Karlsfeld Siegerentwurf für Grundschule einstimmig gekürt

Modernste Pädagogik für Karlsfeld: Die Jury mit Bürgermeister Kolbe entscheidet sich für einen Entwurf nach dem Lernhaus-Konzept.

Von Benjamin Emonts, Karlsfeld

Stefan Kolbe (CSU) wirkt euphorisch, voller Tatendrang. Der Bürgermeister der Gemeinde Karlsfeld hat gerade den Sieger-Entwurf zum Neubau der Grundschule in der Krenmoosstraße vorgestellt. Immerhin 20 Architekturbüros nahmen an dem Wettbewerb teil, den die Gemeinde im vergangenen Dezember ausgelobt hatte. Nach 14-stündiger Beratung ist die Entscheidung der Jury trotz der großen Auswahl einstimmig gefallen. Der Sieger, das Architekturbüro Gessert und Randecker Generalplaner GmbH oder kurz h4a aus Stuttgart, überzeugte die Jury durch ein "klares, qualitätsversprechendes Konzept", wie Schulleiter und Jury-Mitglied Roland Karl schwärmte. "Es war Liebe auf den ersten Blick."

Die Grundschule in der Krenmoosstraße, ein mehr als 50 Jahre altes Hallengebäude, erfüllt viele Anforderungen nicht mehr, zum Beispiel beim Brandschutz. Für die mehr als 420 Kinder ist sie außerdem zu klein geworden. Daher hat sich die schnell wachsende, kinderreiche Gemeinde entschlossen, auf dem freien Grundstück hinter dem Parkplatz der Mittelschule in der Krenmoosstraße ein neues Haus zu errichten. Das alte Gebäude bleibt erhalten und soll von Musik- und Volkshochschule genutzt werden. Der Neubau sieht eine sechszügige Schule mit jahrgangsübergreifenden Klassen vor. Außerdem sollen Kinder mit Behinderungen integriert werden. Die Gemeinde will sich das Projekt bis zu 25 Millionen Euro kosten lassen.

Die neue Grundschule in Karlsfeld soll aus drei Lernhäusern bestehen.

(Foto: oh)

Das Urteil der 13-köpfigen Jury aus sieben Architekten, dem Karlsfelder Bürgermeister, dem Bauamtsleiter, Gemeinderäten und dem Schulleiter der Grundschule Roland Karl fiel vergangene Woche. Die Beratungen dauerten von 8 bis 22 Uhr. "Wir haben sehr intensiv und konzentriert gearbeitet und uns die Entscheidung nicht leicht gemacht", sagte Bürgermeister Kolbe. Dessen persönlicher Favorit machte am Ende einstimmig das Rennen in einem Wettbewerb auf "sehr hohem Niveau", wie Jurymitglied und Architekt Jan Spreen befand.

Der Sieger-Entwurf verfolgt die Idee des Lernhaus-Prinzips. Durch die Architektur soll ein intensiveres Miteinander und stärkeres Zusammenwachsen von Schülerschaft und Lehrkräften ermöglicht werden. Das Gesamtbild ist geprägt durch freie und offen gestaltete Lernlandschaften, eingestreute Lerninseln, Ruhe- und Spielzonen sowie Lehrerstationen, die im Zusammenspiel einen innovativen Schulalltag mit hoher Aufenthaltsqualität und Bewegungsfreiheit gewährleisten sollen. Das Schulhaus besteht aus drei miteinander verbundenen, zweistöckigen Gebäudekomplexen. Ein großes Foyer im Eingangsbereich dient als Veranstaltungsraum. Im Norden schließt ein Mehrzweckraum mit Musikzimmern an. In den Gebäudekomplexen befinden sich sogenannte Lerncluster für jeweils sechs Klassen einer Jahrgangsstufe. Zwischen den Klassenzimmern sind Gruppenräume angesiedelt, die klassenübergreifende Interaktion und gemeinsames Arbeiten ermöglichen. Als verbindendes Element dienen im Zentrum der Cluster 80 Quadratmeter große Mehrzweckräume. An sie grenzt jeweils ein großzügig angelegter Lichthof an.

Entstehen soll die neue Grundschule in Karlsfeld in Nachbarschaft zur bestehenden.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Die ersten Klassen und eine Inklusionsklasse beziehen im Gegensatz zu den anderen Jahrgangsstufen das Untergeschoss von einem der Gebäudekomplexe. "Das entspricht den besonderen Anforderungen der Kinder am Beginn des Schullebens", erläutert Architekt Gessert. Die Schulverwaltung, das Lehrerzimmer, die Mensa, die Bibliothek, die Mittags- und Ganztagsbetreuung und ein Musikraum nehmen den restlichen Platz der Untergeschosse ein. "Alle zentralen Schulnutzungen und die Mittagsbetreuung wurden ebenerdig mit direktem Außenraumbezug angeordnet."

Einen der beiden Zugänge zum Schulgelände stellt ein großer, bepflanzter Schulcampus dar, der die benachbarte Mittelschule mit integriert. Er schließt an die sogenannte Kiss & Go- Area an, wo Eltern ihre Kinder in die Schule verabschieden oder abholen können. Der zweite Zugang befindet sich an der Sesamstraße neben der Turnhalle. Die Dreifach-Sporthalle ist als eigenständiger, eingeschossiger Baukörper vom Schulgebäude leicht abgerückt und kann von diesem aus nicht direkt begangen werden. Hier liegt auch der große baumbesäumte Parkplatz. "Es ist ein niedriger und kompakter Schulkomplex", fasste Architekt Gessert sein Konzept zusammen. Schulleiter Roland Karl freute sich, "dass die Wünsche des Lehrerkollegiums zu nahezu 100 Prozent erfüllt wurden."

Lernlandschaften

Die Städtische Anne-Frank-Realschule in München-Pasing, die drei Lernhäuser beherbergt und damit ähnlich konzipiert ist wie die für Karlsfeld vorgesehene neue Grundschule, gilt als herausragendes Beispiel für modernes Lernen. Sie wurde 2014 mit dem Hauptpreis des Deutschen Schulpreises ausgezeichnet. Seit dem Schuljahr 2013/2014 wird die Schule im gebundenen Ganztag geführt, in 23 Klassen wurden im vergangenen Schuljahr 639 Schülerinnen von 63 Lehrkräften unterrichtet. Ältere Schülerinnen übernehmen Patenschaften für die jüngeren. In jahrgangsübergreifenden Gruppen werden die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch eigenverantwortlich vertieft. Das Leitbild der Schule, die "Erziehung zur Mündigkeit", findet nach Ansicht des städtischen Schulrats Rainer Schweppe "hier seine Übersetzung in den schulischen Alltag".

An das Gymnasium nach Diedorf im westlichen Landkreis Augsburg kommen Delegationen aus der ganzen Welt. Sie wollen sehen, wie eine Lernlandschaft ausschaut, in der es offene Klassenzimmer gibt, in der Schüler in Lounges lernen, in denen Lehrer nicht mehr nur klassisch unterrichten. Dafür bereiten sie Unterrichtsmaterialien vor, die sich die Gymnasiasten dann selbst erarbeiten. Beispielsweise sollen sie in Mathematik nach verschiedenen Lösungen suchen.

Der Bayerische Rundfunk hat kürzlich über die Schule berichtet. Da sitzen Jugendliche in gemütliche Sesseln und studieren, während die Lehrer sie beraten und anleiten. Und der dortige Direktor gibt sich begeistert von seiner "Schule des 21. Jahrhunderts". Diese Lernlandschaften erinnern in ihrem Kern an die Grundidee der italienischen Pädagogin und Ärztin Maria Montessori. Sie formulierte ihren Leitgedanken für Lehrer als Bitte der Kinder: "Hilf mir, es selbst zu tun." Die Architektur soll dafür den entsprechenden Raum schaffen. So wie es jetzt in Karlsfeld mit dem Siegerentwurf für die neue Grundschule geplant ist. we

Über die Höhe der Kosten für die Realisierung des Konzepts wollten die Architekten noch keine Angaben machen. Bürgermeister Kolbe sagte augenzwinkernd: "Wir verlassen uns auf die schwäbische Gründlichkeit in Sachen Finanzen." Er setzt die Architekten unter Druck: "Die Zeit drängt. Die Zahl der Kinder ist exorbitant gestiegen."

Die Ergebnisse des Architekturwettbewerbs können von diesem Montag, 6. Juni, an bis Donnerstag, 9. Juni, von 16 bis 19 Uhr in der Turnhalle der Grundschule besichtigt werden können. Sämtliche Entwürfe der 20 Architekturbüros sind zu sehen.