Jahrestag der Befreiung Gedenken und nachdenken

Das Programm

Am Todesmarschdenkmal Ecke Theodor-Heuss-Straße/Sudetenlandstraße spricht am Samstag, 30. April, um 18 Uhr neben dem Gedenkstättenarchivar Albert Knoll der Überlebende Abba Naor und Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD). Der Sonntag, 1. Mai, beginnt mit religiösen Gedenkfeiern an der Gedenkstätte: um 9.30 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst im Kloster Karmel "Heilig Blut" und zeitgleich ein russisch-orthodoxer in der Auferstehungskapelle.

Am jüdischen Mahnmal sprechen um 9.45 Uhr Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München. Um 10.45 Uhr beginnt die Gedenkveranstaltung des Internationalen Dachau-Komitees mit der Rede von Josef Pröll vor dem ehemaligen Krematorium. Im Anschluss begrüßt am ehemaligen Appellplatz Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann die Besucher. Kultusstaatssekretär Bernd Sibler und CID-Präsident Jean-Michel Thomas halten eine Rede. Dann folgen fünf Lesungen von CID-Mitgliedern in russisch, ungarisch, norwegisch, italienisch und deutsch aus dem Totenbuch. Nach den Kranzniederlegungen vor dem Internationalen Mahnmal findet um 13 Uhr die Gedenkfeier am ehemaligen "SS-Schießplatz Hebertshausen" statt. Vertreter der Dachauer Partnerstädte Klagenfurt und Fondi sowie Freunde aus Oradour nehmen teil. Nach der Befreiungsfeier lädt der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung zum Tag der Begegnung mit ehemaligen Häftlinge in das Jugendgästehaus, Roßwachtstraße 15, ein. SZ

Zum 71. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau werden ehemalige Häftlinge und viele Besucher erwartet. Josef Pröll, einer der Hauptredner, ermahnt zur Verteidigung der Demokratie vor dem Rechtsruck in Europa

Von Helmut Zeller, Dachau

"Wir dürfen unser Land nicht den Rechtsextremen oder Menschen überlassen, die unmenschliche Lösungen präsentieren", sagt Josef Pröll, Mitglied der Lagergemeinschaft Dachau. Der 58-jährige Augsburger wird erstmals zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau vor dem ehemaligen Krematorium sprechen. Seit mehr als 20 Jahren hat der Auschwitz-Überlebende Max Mannheimer die Rede gehalten. Er will, wie der 96-Jährige sagt, den Stab an einen Jüngeren weiterreichen. Die Befreiungsfeierlichkeiten am Sonntag, 1. Mai, stehen unter dem Eindruck des Rechtsrucks und zunehmenden Antisemitismus in Europa. Auf dem ehemaligen Appellplatz spricht erstmals der neue Präsident des Comité International de Dachau (CID), Jean-Michel Thomas. Etwa zehn bis 15 KZ-Überlebende und insgesamt 600 Besucher werden erwartet.

Im Vorjahr waren 138 Überlebende aus 20 Ländern gekommen. Unter den mehr als 2000 Besuchern waren viele Diplomaten und Politiker, allen voran Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Erstmals nahm eine amtierende Regierungschefin an der Gedenkfeier in Dachau teil. In diesem Jahr läuft alles in einem bescheideneren Rahmen ab - unabhängig davon ist und bleibt die Gedenkfeier in Dachau von zentraler Bedeutung für die Erinnerungskultur.

Diesmal richtet das CID mit Unterstützung der Stiftung Bayerische Gedenkstätten die Veranstaltung aus. Der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung hat wieder ehemalige Dachau-Häftlinge aus der Ukraine und Belarus eingeladen. Die Gedenkstätte empfängt zwei Überlebende und ihre Angehörigen aus Ungarn. Aus Prag kommt Vladimir Feierabend, aus Frankreich Jean Samuel und Clement Quentin sowie aus Israel Abba Naor. Der Vorsitzende der Vereinigung ehemaliger Häftlinge in den Dachauer Außenlagern bei Landsberg vertritt die israelischen Holocaust-Überlebenden im Stiftungsrat der Landesstiftung und im Internationalen Dachau-Komitee.

Abba Naor wird am Samstag am Todesmarschdenkmal sprechen. Zu Tausenden wurden noch in den letzten Tagen vor der Befreiung des Konzentrationslagers am 29. April 1945 Häftlinge auf den Todesmarsch getrieben - darunter auch Abba Naor, der als 17-Jähriger am 2. Mai 1945 nahe Waakirchen von amerikanischen Soldaten befreit wurde. Jean-Michel Thomas wird als neuer CID-Präsident auf dem ehemaligen Appellplatz seine erste Rede halten. Im Juni 2015 war der langjährige Präsident Pieter Dietz de Loos von seinem Amt zurückgetreten, nachdem es innerhalb des Opferverbands zu Kritik an seinem Führungsstil gekommen war.

Auf der Gedenkfeier am jüdischen Mahnmal der KZ-Gedenkstätte sprechen wieder Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Max Mannheimer, Vorsitzender der Lagergemeinschaft und CID-Vizepräsident, nimmt selbstverständlich an der Befreiungsfeier teil. Nur seine jedes Jahr mit Spannung erwartete Rede vor dem ehemaligen Krematorium überlässt er erstmals einem anderen. Josef Pröll, Vertreter der zweiten Generation im CID, ist seit vielen Jahren in der Gedenkstättenarbeit engagiert. Die Familien beider Eltern waren als Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus verfolgt: Großvater Karl Nolan und Onkel Alois Pröll wurden in Dachau ermordet. Der Onkel Fritz Pröll nahm sich im KZ Dora das Leben, um nicht unter der Folter Namen seiner Widerstandsgruppe preiszugeben. Prölls Mutter Anna wurde wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" viereinhalb Jahre ins Zuchthaus und KZ Moringen eingesperrt. Sein Vater Josef überstand achteinhalb Jahre die Lager Dachau, Natzweiler und Buchenwald.

Josef Pröll, Autor und Filmemacher, spannt den Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart: "Wir können die Geschichte nicht rückgängig machen. Entscheidend ist, was wir aus den bitteren Erfahrungen der Verfolgten des Naziregimes lernen." Darin kommt nach seiner Auffassung auch den Nachkommen der NS-Opfer eine wesentliche Rolle zu. Auch Abba Naor bringt einige Nachkommen, darunter seine Enkelin Dana Bloch, zur Gedenkfeier mit. "Die Narben der Vergangenheit können uns schützen, wenn wir zurückschauen und uns heute rechtzeitig mit den Menschen auseinandersetzen, die oft vollkommen unbewusst, rechtsextremen Gedankengut hinterherlaufen", sagt Pröll. Er mahnt eindringlich: Der NSU-Prozess zeige in erschreckender Weise, wie gleichgültig wir teilweise der Verwicklung staatlicher Organe in die Verbrechen gegenüberstünden. "Eigentlich müsste ein Aufschrei der Empörung durch unser Land gehen." Der Lernort Gedenkstätte fordere zum Nachdenken auf, auch über das Heute und eigene Verantwortung. "Noch haben wir Zeit", sagt Pröll.