Internationale Jugendbegegnung Zeitzeugen erzählen, Jugendliche diskutieren

Etwa 100 junge Leute aus 23 verschiedenen Ländern treffen sich von Samstag an im Max-Mannheimer-Haus, um etwas über die Geschichte des Konzentrationslagers zu erfahren, aber auch um daraus zu lernen. Abba Naor und acht weitere Überlebende erinnern sich an die NS-Zeit. Viele Veranstaltungen sind für alle offen

Von Richard Möllers, Dachau

"Wenn ein Bewusstsein für das Geschehene in der NS-Zeit gestern wichtig war, ist es heute noch wichtiger", sagt Abba Naor. Er ist Überlebender des Holocausts und erzählt bei der Internationalen Jugendbegegnung in Dachau seine bewegende Geschichte. Unter dem Motto "erinnern - begegnen - verstehen - Zukunft gestalten" befassen sich Jugendliche und junge Erwachsene mit der Geschichte des Konzentrationslagers. Neun Zeitzeugen sind geladen. Es wird aber auch um aktuelle Formen von Rassismus und Ausgrenzung gehen. Die Veranstaltung, bei der rund 100 Jugendliche aus 23 verschiedenen Nationen aufeinandertreffen, beginnt an diesem Samstag im Max-Mannheimer-Haus.

"Aus Algerien und Armenien reisen mehr Teilnehmende als im Vorjahr an, aber auch aus Ländern wie Mexiko, El Salvador und den Philippinen sind Jugendliche dabei" informiert Monika Godfroy vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), einer der vier Veranstalter der Jugendbegegnung, die in diesem Jahr zum 35. Mal stattfindet. Es können auch Interessierte aus dem Landkreis an einigen Veranstaltungen, wie dem Fest der Begegnung am Samstag, 5. August, von 17.30 Uhr an teilnehmen. Auch das Zeitzeugencafé am Sonntag, 6. August, um 15 Uhr steht allen offen. Ebenso das Gebet der Begegnung um 13.30 Uhr und der Vortrag von Professor Wolfgang Benz mit dem Titel "Alte Feindbilder - neue Demagogen: Vom Antisemitismus zum antimuslimischen Kulturrassismus" am Dienstag, 8. August, um 20 Uhr. Alle Veranstaltungen finden im Max-Mannheimer Haus statt, der Eintritt ist frei.

Heute treffen sich Menschen aus vielen Ländern zu Gesprächen und Vorträgen im Max-Mannheimer-Haus.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Mit rund 20 Ehrenamtlichen aus aller Welt kümmert sich Projektleiter Robert Philippsberg um die Betreuung der Jugendlichen. Sie sind zwischen 16 und 26 Jahre alt und beleuchten die Thematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Auf dem Programm stehen Zeitzeugengespräche, Führungen durch die Gedenkstätte, Exkursionen und verschiedene Workshops. Genügend Zeit für das gegenseitige Kennenlernen für Spaß und Sport bleibt allerdings auch noch, sagt Godfroy.

Ihr fällt auf, dass es durchaus interkulturelle Unterschiede gibt, was die Wahrnehmung der NS-Zeit betrifft. "Das fördert das Reflektieren von Wissen", sagt sie. Die Jugendlichen lernen durch den Austausch, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Der 35-jährige Projektleiter findet es auf der einen Seite besonders wichtig, dass die Jugendlichen ein historisches Bewusstsein entwickeln, dass sie verstehen, welche Auswirkungen das in Dachau Geschehene auf Deutschland und andere Länder hat. Aber ihm ist auch wichtig, dass die Heranwachsenden die heutigen Formen von Ausgrenzung und Rassismus erkennen, dass sie autoritäre Strukturen kritisch beleuchten und dass sie Prozesse, die dort hinführen, genau hinterfragen.

Anfang der Neunzigerjahre wollten junge Leute der Kommunalpolitik beweisen,wie wichtig internationale Jugendbegegnung ist. Das Vorbild war die Einrichtung an der Gedenkstätte in Auschwitz.

(Foto: Toni Heigl)

Auch Abba Naor blickt mit Skepsis auf die aktuellen Entwicklungen in Sachen Ausgrenzung in Deutschland und der ganzen Welt. Er findet, dass Israel und Deutschland eine Vorbildrolle einnehmen, weil die beiden Länder zeigen, wie man trotz dieser schwierigen Vergangenheit friedlich miteinander leben kann. Genau das versucht Naor vorzuleben. Ihm ist es wichtig, Heranwachsenden zu vermitteln, das sie keine Schuld an der Vergangenheit trifft, dass sie aber sehr wohl Verantwortung für die Zukunft tragen. "Dadurch, dass die NS-Zeit schon so lange Vergangenheit ist, nehmen es junge Leute heute ganz anders auf", sagt der 89-Jährige und fügt an: "Umso wichtiger ist es, die Jugendlichen aufzuklären und ihnen geduldig immer wieder zu erzählen, wie es war".

Mit 13 Jahren kam der gebürtige Litauer ins Ghetto seiner Geburtsstadt Kaunas, später musste er in Außenlagern des KZ Dachau Zwangsarbeit leisten. Nach der Befreiung verließ er Deutschland, weil er nicht bleiben wollte, wo ehemalige SS-Leute wieder als Polizisten arbeiten konnten. Er ging nach Palästina, wo er 1948 im Unabhängigkeitskrieg kämpfte. Später arbeitete er im Staatsdienst. Heute spricht er jedes Jahr in rund 120 deutschen Schulen über seine Erlebnisse. Er hat sogar einen Schüleraustausch zwischen dem Gymnasium in Gauting und einem in Tel Aviv initiiert. So kommen seit elf Jahren bis zu 15 israelische Schüler nach Deutschland und nehmen an der Internationalen Jugendbegegnung in Dachau teil. Anfangs war es gar nicht so leicht, Interessenten aus Israel zu finden, besonders wenn das Wort Dachau fiel, erzählt Naor. "Aber nach und nach konnte ich Überzeugungsarbeit leisten und mittlerweile stehen die jungen Leute Schlange." Deshalb macht er sich auch dieses Jahr wieder auf den langen Weg von Isreal nach Dachau, um als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen den Jugendlichen von seinen Erlebnissen in der NS-Gefangenschaft zu erzählen.