Hermann-Ehrlich-Preis Starkes Signal gegen Fremdenhass

Bündnis für Dachau ehrt die syrische Flüchtlingsfamilie Ayo-Al Sheikh für ihr bürgerschaftliches Engagement. "Gemeinsam können wir die Schranken überwinden", sagt der Sohn Yazdan

Von Helmut Zeller, Dachau

Am Ende, nach allem stürmischen Applaus, nach bewegenden Reden und Tränen der Rührung, sagt Bündnis-Sprecher Mike Berwanger zu den ungefähr 150 Besuchern im Thoma-Haus: "Erzählen Sie es den Leuten draußen. Deutschland ist ein offenes Land und - keine Stimme für die rechten Hetzer!" Gegen den Fremdenhass hat das Bündnis für Dachau am Sonntag ein starkes Zeichen gesetzt: Die fünfköpfige syrische Flüchtlingsfamilie Ayo-Al Sheikh, die inzwischen in Markt Indersdorf lebt, wurde mit dem 3. Hermann-Ehrlich-Preis für bürgerschaftliches Engagement ausgezeichnet. Der 25-jährige Student Yazdan Ayo machte in seiner Dankesrede deutlich, was die vielen Flüchtlingshelfer im Landkreis tagtäglich erfahren. Die Integration der Geflüchteten ist nicht nur eine Herausforderung für die deutsche Gesellschaft, sondern auch eine große Chance für ihre Vielfalt, Agilität, demokratische Stärke und Humanität. Auf die Frage nach seiner Herkunft antwortet Yazdan Ayo: "Ich bin ein Mensch."

Die Caritas von Ras al-Ain

In ihrer Laudatio auf die Preisträger zeichnete Waltraud Wolfsmüller, Sprecherin des Arbeitskreises Asyl in Dachau, den harten Fluchtweg der Familie aus Ras al-Ayan im Nordosten Syriens an der türkischen Grenze nach. Bis zum Jahr 2003 lebten in der Stadt die Menschen verschiedener Ethnien friedlich zusammen. Die Söhne Sulaiman und Yazdan besuchten als Muslime eine christliche Schule, Dilyar war blind zur Welt gekommen und besucht heute in München ein Blindeninstitut. Als die syrische Regierung die kurdische Bevölkerung zu verfolgen begann, wollte die Familie Ayo-Al Sheikh helfen. Vater Abdul Aziz, ein Rechtsanwalt, vertrat die Rechte der Kurden. Seine Frau Aida Al Sheikh kümmerte sich mit ihren Söhnen um die Familienangehörigen der Inhaftierten. "Wir waren die Caritas von Ras al-Ain", sagt Aida Al Sheikh in einem Video, das Jürgen Zarusky, Historiker am Institut für Zeitgeschichte, mit den Familienmitgliedern führte. Das Video, das SZ-Fotograf Niels P. Jørgensen produziert hatte, wurde auf der Veranstaltung abgespielt.

Die syrische Flüchtlingsfamilie Ayo-Al Sheikh bei der Verleihung des Hermann-Ehrlich-Preises im Thoma-Haus.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Als die Repressalien gegen die Familie zunahmen - polizeiliche Hausdurchsuchungen und Verhaftungsandrohungen -, und 2011 der syrische Bürgerkrieg ihre Heimatstadt überzog, flüchteten die Ayo-Al Sheikhs auf verschiedenen Wegen, über das Mittelmeer und die Balkanroute. Im September 2011 kam die Mutter mit ihrem Sohn Dilyar in das Flüchtlingslager in der Kufsteiner Straße in Dachau. Vier Jahre dauerte es, bis die Familie, der von den Behörden Asyl gewährt worden ist, wieder vereint war. Als letzter kam Sulaiman, der in der Ukraine Zahnmedizin studierte, nach Deutschland.

Applaus für großes Engagement

Obwohl die Familie, wie Wolfsmüller sagte, weiß, dass es in Deutschland auch Menschen gibt, die Flüchtlinge hassen und ablehnen, engagierte sie sich sofort für andere Asylsuchende. Der Vater macht eine Ausbildung zum Kulturdolmetscher, um noch besser als Vermittler zwischen den Kulturen wirken zu können. Die Mutter arbeitet ehrenamtlich im Blindeninstitut in München, betreut in den Mutter-Deutsch-Kursen der Caritas Dachau die Kinder, dolmetscht und begleitetet Flüchtlinge - egal welcher Hautfarbe oder Religion - zum Arzt und zu Behörden. "Für viele Geflüchtete hier im Landkreis ist sie zur Mutter und besten Freundin geworden", sagte Waltraud Wolfsmüller. Sulaiman will einmal als Zahnarzt arbeiten und engagiert sich bis dahin beim Malteser Hilfsdienst in München für Menschen ohne Krankenversicherung. Yazdan gab Alphabetisierungskurse in der Berufsschulturnhalle in Dachau und studiert seit April an der Universität Bayreuth Internationale Wirtschaft. Auch Dilyar lernte schnell Deutsch und will im kommenden Jahr eine Ausbildung beginnen. Seine Bemerkung, dass er jetzt noch unbedingt Bairisch lernen wolle, quittierten die Besucher mit großem Applaus.

Waltraud Wolfsmüller, Sprecherin des Arbeitskreises Asyl in Dachau, hielt die Laudatio auf die Preisträger.

(Foto: Niels Jörgensen)

Aufdeckung der Wahlfälschung

Das Bündnis ehrte die Familie stellvertretend für alle Flüchtlinge in Dachau und im Landkreis, die gegen Vorurteile, Ausgrenzung und Gleichgültigkeit kämpfen müssen. Sie können, wie Wolfsmüller deutlich sagte, nur dann Teil der Gesellschaft werden, wenn diese sie am Leben teilhaben lässt. Dafür hätte auch der Dachauer Sozialpädagoge und Musiker Hermann Ehrlich, der 2011 gestorben ist, seine Stimme erhoben. "Seine Grundwerte waren gleiche Chancen für alle, soziale und politische Gerechtigkeit", sagte Dachaus Zweiter Bürgermeister Kai Kühnel (Bündnis). Seit 2012 vergibt das Bündnis den Preis, um den Mann nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, der sich die Auseinandersetzung mit der Nazizeit Dachaus und die Aufarbeitung des Wahlfälscher-Skandals zur Aufgabe gemacht hatte.

Der erste mit 1000 Euro dotierte Preis ging an den Fernsehjournalisten und Dokumentarfilmer Helge Cramer, der sich 2002 um die Aufdeckung der Wahlfälschung verdient gemacht hatte. Vor zwei Jahren erhielt den Preis der SZ-Journalist Hans Holzhaider für seine Pionierleistungen in der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte der Stadt. Beide Preisträger nahmen an dem Festakt am Sonntag teil. Gekommen waren auch Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD), etliche Stadträte, Flüchtlingshelfer und einige Asylsuchende.

Vorurteile widerlegt

Die Jury hat mit der Preisvergabe eine Familie bekannt gemacht, die Vorurteile und Ängste vor Flüchtlingen widerlegt und auflöst. In Syrien laute ein Sprichwort, lieber eine Hütte in der Heimat als einen Palast in der Fremde, sagte Yazdan Ayo. Er trat für die freiheitlich-demokratische Grundordnung Deutschlands ein: "Sie ist mein Palast." Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und politische Gleichheit, Frieden und Sicherheit zählte Yazdan Ayo auf. Es sei nicht einfach gewesen, in Deutschland anzukommen. Aber in Dachau habe seine Familie großartige Menschen kennengelernt. Als erstem dankte er John Mitterbacher, Hausmeister im ehemaligen Flüchtlingslager in der Kufsteiner Straße, der von den Bewohnern sehr geschätzt wurde. "Wegen ihm wollte ich noch mehr Integration." Yazdan Ayo dankte unter anderen auch Rose Kraus, Gründerin des Arbeitskreises Asyl, dem ÖDP-Kreisrat Georg Weigl und Waltraud Wolfsmüller. Sie hätten ihm das Bild des schönen Deutschlands gezeigt. "Gemeinsam können wir die Schranken überwinden", sagte Yazdan Ayo - und wieder: standing ovations.

Ein Video zur Bündnis-Veranstaltung finden Sie hier http://bit.ly/2fI8nPX