Hausbesitzer in Sorge Der Kanal ist voll

Mitarbeiter der MAN Truck & Bus AG in München arbeiten an Fahrerkabinen der Lastwagen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Immer mehr Karlsfelder befürchten überflutete Keller, weil MAN bei der Produktion Grundwasser abpumpen darf. Sie wehren sich mit Unterschriftenlisten.

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Der Kreis der Karlsfelder, die aktiv gegen die enormen Grundwassereinleitungen von MAN vorgehen wollen, wächst. Mit Unterschriftenlisten gehen sie nun von Tür zu Tür. Die Hausbesitzer sind wild entschlossen, sich gegen die Anfang Juni ergangene Genehmigung der Stadt München zu wehren. Danach darf das Unternehmen fast zehn Millionen Kubikmeter Grundwasser zum Kühlen von Produktion und Gebäuden entnehmen und später wieder einspeisen. Dadurch wird eine leichte Steigung des Grundwasserspiegels um zehn bis 50 Zentimeter erwartet. Das geht aus dem Genehmigungsbescheid der Stadt München hervor. Der Karlsfelder Ingenieur Jakob Stärk war sofort alarmiert, als er das Schreiben las. In der jüngsten Gemeinderatssitzung legte er seine Bedenken dar. Seither wächst bei ihm und vielen anderen die Angst vor Wasser im Keller bei jedem stärkeren Regen. Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) will sich nun der Sache persönlich annehmen. Er hat bereits ein Gespräch mit der Genehmigungsbehörde anberaumt. Das Amt will sich die Sache nun noch einmal ansehen, heißt es. Neben zwei Mitarbeitern der Gemeinde werden ein Gutachter, das Wasserwirtschaftsamt München, die Firma MAN sowie Vertreter der Stadt München an dem Gespräch Ende Juli teilnehmen.

Die aufgebrachten Karlsfelder Bürger kritisierten vor allem, dass die Gemeinde die Anfrage der Stadt München positiv beschieden hatte. Die stellvertretende Bauamtsleiterin Simone Hotzan berichtete in der Sitzung, dass man der Stadt München mitgeteilt habe, die Gemeinde erhebe keine Einwände gegen die Erlaubnis, solange es keine Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel habe. Stärk forderte sofort, dass die Genehmigung widerrufen wird. "Für uns ist jeder Zentimeter entscheidend", erzürnte er sich. "Für jede Eidechse und Kröte ist gesorgt in dem Bescheid, aber nicht für die Bürger." Ihn ärgerte auch, dass die Bürger, die es betrifft, nicht von der Erlaubnis, dass MAN nun etwa doppelt so viel Grundwasser entnehmen und wieder einspeisen darf, in Kenntnis gesetzt wurden.

Kolbe hatte bereits den Rechtsberater der Gemeinde kontaktiert. "Wir können keinen Einspruch einlegen", sagte er. Die Gemeinde sei nicht betroffen, so die Auskunft des Juristen. "Sie ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und kann deshalb kein Eigentumsgrundrecht haben. Das haben nur Privatpersonen. Die Gemeinde kann nur geltend machen, in Planungshoheit und Selbstverwaltungsrecht verletzt zu sein", erklärte der Verwaltungsrechtsspezialist Mathias Reitberger. Und das sei nur der Fall, wenn konkrete Planungen unmöglich gemacht beziehungsweise deutlich erschwert würden. "Beim Anstieg des Grundwassers gibt es da relativ wenig greifbare Möglichkeiten", sagte er.

50 000 Euro für ein Gegengutachten

"Das kann nicht sein. Es sind ja auch Gebäude der Gemeinde betroffen", widersprach Stärk. Seine Hoffnung ruht auf dem Satz im Bescheid der Stadt München: "Die Erlaubnis wird bis zum 31. Dezember 2031 erteilt. Ein vorzeitiger Widerruf der Erlaubnis ist jederzeit möglich." Die quasi durch die Blume geäußerte Aufforderung von Rechtsanwalt Reitberger, die Privateigentümer müssten selbst den Rechtsweg beschreiten, wies Stärk entschieden zurück. Er habe bereits Kontakt zu einem Anwalt aufgenommen, erklärte er. Dieser habe gesagt, um überhaupt eine Chance zu haben, müsse man ein Gegengutachten anfertigen. Und das koste etwa 50 000 Euro, ohne dass es von irgendjemandem erstattet werde. "Wer soll so viel Geld bezahlen?", fragte er in den Raum. "Da kann ich meine Immobilie ja gleich verkaufen." Die anderen pflichteten ihm bei.

Die Karlsfelder Hausbesitzer setzen auf die Gemeinde. Stärk sagte, er habe bereits mit der Sachbearbeiterin der Stadt München gesprochen. "Wenn da nur ein paar Bürger vorsprechen, ist das wahrscheinlich zu wenig", sagte er. "Aber wenn die Gemeinde und der Bürgermeister nochmal kommen und massiv eingreifen, ist es gut möglich, dass der Bescheid geändert wird. Dann blasen sie uns vielleicht nicht das Wasser in den Keller."

Kolbe versprach alle Hebel in Bewegung setzen zu wollen: "Wir nehmen das nicht auf die leichte Schulter", sagte er. Mechthild Hofner (Bündnis für Karlsfeld) erinnerte, dass die Gemeinde durchaus Bauvorhaben in Flussrichtung habe, die durch die Anhebung des Grundwasserspiegels beeinträchtigt wären. Und Bernd Rath (ebenfalls Bündnis für Karlsfeld) wusste, dass fast alle Schmutzwasserkanäle auf Grundwasserhöhe sind. Er hatte Zweifel daran, dass das Kanalsystem dem Druck standhalten würde, wenn sich der Spiegel erhöhe. "Dann ist die Gemeinde auf jeden Fall betroffen. Das sollte als Argument ins Rennen geführt werden", schlug er vor.