Haus mit wechselvoller Geschichte Vom Schandfleck zum Schmuckstück

Der frühere Phönix-Solar-Chef Andreas Hänel kümmert sich jetzt um die Erhaltung alter Bauwerke. Derzeit arbeitet er an einem bald 500 Jahre alten Haus

Von Horst Kramer, Altomünster

Der Mann flucht leise. Wegen der Hitze und wegen dieses widerspenstigen Hollerbuschs, der sein Wurzelwerk tief unter das Mauerwerk des alten Hauses in der Pipinsrieder Straße 27 in Altomünster gestreckt hat. Der Mann - hager, durchtrainiert, scheinbar alterslos - versucht, die Wurzeln auszugraben. Mit Spaten, Hacke und den Händen. Ein Knochenjob. Er schwitzt. Der Busch muss weg, er gefährdet das Mauerwerk dieses historisch außergewöhnlichen Gebäudes.

Seinen Wert hat in Altomünster allerdings bei weitem nicht jeder entdeckt, viele halten das windschiefe Haus für einen "Schandfleck": Der Verputz blättert ab, das Mauerwerk ist löchrig. Kein Wunder, das Haus ist 455 Jahre alt, ein wichtiger Zeuge der wechselvollen Geschichte des Ortes.

Ungewöhnlich ist übrigens auch die Vita des schwitzenden Hollerbusch-Beseitigers. Sein Name ist Andreas Hänel. Er ist 58 Jahre alt und gelernter Maschinenbau- und Raumfahrt-Ingenieur. Bei jedem, der sich je mit Solartechnik befasst hat, klingelt's jetzt. Richtig, Hänel war einer der Gründer und später Vorstandsvorsitzender der Sulzemooser Phönix Solar AG. Im Frühjahr 2013 trat er zurück, die deutsche Solarindustrie steckte damals in einer tiefen Krise. Hänel fand ein neues Betätigungsfeld: die praktische Denkmalpflege. "Tatsächlich habe ich mich immer schon für historische Bauwerke interessiert", erklärt der ehemalige Firmenchef. Es sei kein Zufall gewesen, dass Phönix seinen Sitz im alten Sulzemooser Schloss habe. Nicht weit davon entfernt steht ein alter Bauernhof, Hänel hat ihn vor einigen Jahren eigenhändig renoviert und wohnt mittlerweile dort. Sein Interesse an alten Häusern hat ihn aber auch zum Verein Kulturerbe Bayern gebracht, wo er sich seit 2015 engagiert. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, historische Gebäude zu retten, für die sich weder der Staat noch ein privater Investor interessiert.

Auch für das gedrungene Häuschen in der Pipinsrieder Straße 27 hat sich lange keiner interessiert. Doch jetzt ist es in den Fokus des Vereins gerückt, der sich nun um seine Erhaltung kümmert. Das Haus ist nur 9,65 Meter lang und 9,15 Meter breit. Die Firsthöhe ist in den Plänen mit 7,15 Meter angegeben. An seiner Südwestseite klebt ein hässlicher Sechziger-Jahre-Bau - kein Wohnhaus, sondern eine Art Stallung. Im Innern ist es eng. Wer eintreten will, muss aufpassen, denn im Lehmboden sind riesige Löcher. Hänel erklärt, dass er hier Bodenproben genommen hat. Diese werden gerade in einem Fachinstitut untersucht. Die drei Zimmer im Erdgeschoss sind nur jeweils zehn bis zwölf Quadratmeter groß.

Ein bald fünfhundert Jahre altes Gebäude im Alleingang wieder auf Vordermann bringen zu wollen, ist eine echte Herausforderung - selbst für einen Diplom-Ingenieur. "Ich bin nicht unter Zeitdruck" sagt Hänel schmunzelnd. Seit Mai 2016 habe er rund 750 Stunden an dem Haus gearbeitet, erklärt er. 2019 oder 2020 will er mit allem fertig sein. Dann soll das kleine Häuschen ein Schmuckstück sein. Das lässt dann doch einen festen Zeitplan erahnen.

Alles kann Hänel freilich nicht allein machen, zumindest für den Dachstuhl und die Fenster will er Handwerker engagieren, sagt er. Aber es ist nicht nur das alte Gemäuer, das den Ingenieur fasziniert. Die Stelle, an der das Haus steht, ist offenbar ein geschichtsträchtiger Ort. Denn Hänel hat bei seinen Arbeiten einiges gefunden, was Aufschluss über das bäuerliche Alltagsleben in vergangenen Jahrhunderten gibt.

Die meisten Fundstücke sind nicht sonderlich spektakulär: Schrauben, Haken, Nägel hat er auf einem Tisch im ersten Stock ausgebreitet. Eine ziemlich zerrupfte Knabenhose aus Jute liegt ebenfalls dort. Hänel hat auf dem strohgedeckten Dachboden aber auch seltsame Knochen gefunden: Schenkel- und Beckenknochen, den Unterkiefer eines Pflanzenfressers sowie den Schädel eines ziemlich großen Hundes. Vielleicht ein Wolf? "Möglicherweise sind hier einst Rituale mit Tieropfern abgehalten worden", spekuliert der Hobby-Archäologe.

Professor Wilhelm Liebhart, der sich eingehend mit der Regionalgeschichte beschäftigt hat und sich in wissenschaftlichen Kreisen auch einen Namen damit gemacht hat, widerspricht energisch. "Der Dachboden stammt aus dem 19. Jahrhundert. Dass in dieser Zeit irgendwelche heidnischen Rituale im tiefkatholischen Oberbayern abgehalten wurden, halte ich für äußerst unwahrscheinlich." Liebhart, selbst ein Altomünsterer, denkt eine Weile nach: "Das Haus war doch 25 Jahre nicht bewohnt. Dort oben hat sicherlich ein Marder gehaust und seine Beute verzehrt."

Auch wenn ihn die kühnen Thesen von Hänel nicht überzeugen, so ist der Historiker doch begeistert von dessen Vorhaben: "Das Gebäude kann ein richtiges Schmuckstück für den Ort werden." Ähnlich sieht es Altomünsters Bürgermeister Anton Kerle: "Die Marktgemeinde lebt von ihrer Geschichte, vermutlich mehr als andere Kommunen. Dass alte Bausubstanz durch eine Privatinitiative gerettet wird, ist für ganz Altomünster ein Gewinn!"