Gedenkstätten als Lernort "Wir müssen nicht von Pflicht sprechen"

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, und Kollegen fordern in der Debatte über verpflichtende Besuche neue und angemessene Formen der didaktischen Vermittlung geschichtlichen Wissens

Von Helmut Zeller, Dachau

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, ergreift in der Debatte über Pflichtbesuche das Wort.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In der aktuellen gedenkstättenpädagogischen Debatte reagieren Experten in Dachau eher skeptisch auf die Forderung nach Pflichtbesuchen in KZ-Gedenkstätten. Es sei nicht nötig, von Pflicht zu sprechen, sagte die Historikerin Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau. Der Historiker und Theologe Björn Mensing warnt gar vor einer Instrumentalisierung solcher Besuche als Gegenmittel für antisemitische Einstellungen von deutschen Jugendlichen oder von Flüchtlingen, vor allem aus muslimischen Kulturkreisen. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) hatte sich dafür ausgesprochen, dass Deutsche, aber auch Asylbewerber verpflichtend ein ehemaliges Konzentrationslager besuchen sollten. Solche Besuche sollten zum Bestandteil von Integrationskursen werden.

"Unserer Wahrnehmung nach ist der Besuch von KZ-Gedenkstätten für viele Lehrkräfte und Schulen bereits seit Jahren ein integraler Bestandteil der schulischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie begreifen dies als Teil ihrer Verantwortung", erklärte Gabriele Hammermann der SZ. In Bayern müssen alle Schüler während ihrer Schulzeit einmal Flossenbürg oder Dachau besuchen - in vielen Bundesländern gibt es aber diese Verpflichtung nicht. Auch der Flossenbürger Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit möchte das Wort Pflicht nicht verwenden. "Aber eine stark in die Verantwortung nehmende Empfehlung finde ich sehr gut", sagte er in einem Interview der Süddeutschen Zeitung. Die Experten betonen übereinstimmend, dass den Gedenkstätten als außerschulischer Lernort eine große Bedeutung zukommt, möglichst viele Besucher wünschenswert sind, aber Führungen für Jugendliche didaktisch auch sinnvoll umgesetzt werden müssten.

Gabriele Hammermann sagt: "Bildungsprogramme, die an außerschulischen Lernorten wie KZ-Gedenkstätten angeboten werden, bilden über die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, so verschieden sie auch sein mag, ein wichtiges Element der Demokratieerziehung und Rechtsextremismusprävention. Das gelingt aber nur im Zusammenspiel mit der schulischen und zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung. Gedenkstätten geben Anstöße zum Nachdenken, ein Besuch allein, das ist klar, ist kein Allheilmittel, er fördert keine automatische Änderung der Einstellung."

Die Historikerin kritisiert, dass in der gegenwärtigen Debatte der Begriff Migrant unscharf verwendet werde. "Wer ist damit gemeint? Die Menschen, die in der zweiten und dritten Generation in Deutschland leben? Diese sind bereits seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der Schulklassen. Oder die Geflüchteten, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind?" Gabriele Hammermann verweist auf ein aktuelles Projekt zum geschichtlichen Lernen für Menschen mit Migrationshintergrund, das zurzeit in Dachau läuft (siehe Kasten).

Die Dachauer Gedenkstättenleiterin verweist auf die Erfahrung in zurückliegenden Jahren: "Die Diskussion über verpflichtende Besuche in KZ-Gedenkstätten kommt regelmäßig, insbesondere vor dem Hintergrund rechtsextremistischer oder antisemitischer Vorfälle auf", sagt sie. Die Forderung der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli geht auf die judenfeindlichen Ausschreitungen im Dezember in mehreren Städten Deutschlands zurück, bei denen etwa in Berlin pro-palästinensische Demonstranten israelische Flaggen verbrannten. Die Union fordert mittlerweile die Ausweisung von Zuwanderern, die antisemitischen Hass verbreiten und will vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar einen entsprechenden Antrag in den Bundestag einbringen.

Das Internationale Auschwitz-Komitee erklärte, es beobachte die Bemühungen der Union "mit Interesse". Die Vereinigung von KZ-Überlebenden und deren Angehörigen stellte aber zugleich klar, dass es im Kampf gegen den Antisemitismus einen fraktionsübergreifenden Antrag für wünschenswerter halte. "Angesichts der permanenten Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas durch den Antisemitismus alter und neuer Prägung ist im Bundestag eine partei- und fraktionsübergreifende Initiative notwendig, die die demokratischen Parteien glaubwürdig zusammenführt", erklärte Exekutiv-Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner. "Dies wäre angesichts der gegenwärtigen Situation ein starkes Signal." Wenn der Eindruck entstünde, dass die demokratischen Parteien im Kampf gegen den Antisemitismus nicht einig seien, wäre dies "fatal". Überlebende des Holocaust empfänden die Zunahme antisemitischen Hasses in Deutschland als Zäsur, betonte Heubner. Er zeigte sich unter anderem besorgt über eine "Vermischung in Deutschland alt bekannter antisemitischer Stereotypen mit dem Judenhass, den Menschen aus islamischen Ländern nach Deutschland mitbringen und an ihre Kinder weitergeben".

Vor diesem Hintergrund hält der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, verpflichtende Besuche von KZ-Gedenkstätten für deutsche Jugendliche und junge Migranten für richtig. Es gehe ihm nicht darum, etwas zu verordnen, aber er halte gut vorbereitete Besuche für sehr sinnvoll, sagte Schuster der Berliner Zeitung. Dies könne aber nur Teil einer Strategie sein. Auch im Schulunterricht muss aus Sicht des Zentralratspräsidenten mehr getan werden. "Es geht dabei darum, das Judentum und das Verhältnis zu Israel umfassender zu vermitteln als bisher."

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik spricht sich grundsätzlich für einen verpflichtenden Besuch jedes Deutschen und Asylsuchenden in einer KZ-Gedenkstätte aus. "Und zwar deshalb, weil wenige andere Ereignisse wie die Ermordung von sechs Millionen Juden, Sinti und Roma sowie von sowjetischen Kriegsgefangenen den Geist der bundesdeutschen Verfassung mit ihrem Artikel 1 des Grundgesetzes 'Die Würde des Menschen ist unantastbar' geprägt haben." Allerdings: "Ein bloßer Demonstrationstermin - also mal kurz rein und wieder raus - wirkt geradezu kontraproduktiv. Das Ganze ist nur sinnvoll, wenn es mit viel Zeit, mit nicht wenig Geld und mit hoher Professionalität ausgeführt wird." Brumlik plädiert für "einen sorgfältig zu evaluierenden Modellversuch" zunächst in Berlin. Ein "Allheilmittel" gegen Antisemitismus sei das aber nicht.

Ähnlich äußerte sich auch der Historiker Jörg Skriebeleit: Der Besuch einer KZ-Gedenkstätte dürfe "kein verlängerter Schulbesuch sein, sondern er hat eine eigene Qualität. Wir nehmen uns sehr ernst als außerschulischen Lernort". Aber ein Besuch dürfe nicht "Lernroutine" werden. Wichtig sei außerdem die Motivation der Lehrer. Integrationsklassen mit Zuwanderern diskutierten etwa über Haltungen, "die sie mitbringen, und über Werte, die sie hier in Deutschland erfahren", sagte Skriebeleit. "Das ist nicht nur spannend, sondern sehr konstruktiv." Ein zweistündiger Besuch verändere jedoch nicht die Einstellung, aber er speise wichtige Informationen ein.