Gedenkstätte Marsch auf Dachau

Eine freikirchliche Initiative wandert mit 500 Teilnehmern auf drei Routen zur KZ-Gedenkstätte. Evangelische Kirche, Stiftungsrat und Israelitische Kultusgemeinden warnen vor einer bizarren Veranstaltung.

Von Helmut Zeller, Dachau

Misstöne im Gedenken zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau: Die freikirchlich geprägte Initiative "Marsch des Lebens" wandert zwischen dem 22. und 26. April aus drei Richtungen zur KZ-Gedenkstätte Dachau, um der Opfer der Todesmärsche zu gedenken. Mit etwa 500 Teilnehmern aus Hersbruck in Franken, Kaufering und Mühldorf rechnet Mathias Barthel, früher Pastor der Baptistengemeinde Nürnberg, bei der abschließenden Gedenkfeier an der Gedenkstätte. Vordergründig eine gute Sache, deshalb hat die Initiative auch einen gewichtigen Fürsprecher gefunden. SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel versicherte ihr in einem Grußwort im April 2014 seine "volle Sympathie". Doch Pfarrer Björn Mensing, Landesbeauftragter der Evangelischen Kirche für Gedenkstättenarbeit, warnt nachdrücklich vor dem weltweit agierenden Verein. Auch Israelitische Kultusgemeinden und die Gedenkstättenstiftung gehen auf Distanz.

Der Grund: Es handelt sich um eine neupfingstliche Gruppierung mit einer dämonologischen Geschichtsdeutung, wie Mensing, Pfarrer der Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte, sagt. Der Stiftungsrat der Gedenkstättenstiftung hat sich auf seiner Sitzung am 26. Januar eindeutig gegen die Initiative ausgesprochen. Und dem Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern ist sie auch nicht geheuer. "Wir sind nicht begeistert und schließen uns der Einschätzung von Björn Mensing an", erklärte Karin Offman der SZ. Pfarrer Mensing rät Kirchengemeinden und Mitgliedern dringend von einer Teilnahme ab. Eine Befürchtung sind die Kritiker los: Die Initiative wollte weitere prominente Unterstützer aus der Politik gewinnen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wurde die Schirmherrschaft angetragen. Pressesprecher Oliver Platzer sagte auf Anfrage: "Nein, der Minister kann wegen anderweitigen Verpflichtungen die Schirmherrschaft leider nicht übernehmen."

Die Initiative "Marsch des Lebens" wurde 2007 gegründet und hat seitdem in mehr als 80 Städten in zwölf europäischen Ländern sowie in den USA und Lateinamerika Gedenk- und Versöhnungsmärsche organisiert. Dahinter steht die "TOS Dienste Deutschland e.V." (bis 2010 "Tübinger Offensive Stadtmission"), die neucharismatisch geprägt ist und sich als evangelische Freikirche versteht. Sie wurde 1990 von Jobst und Charlotte Bittner in Tübingen gegründet. Im November 2011 wurden die beiden in der israelischen Knesset für ihren besonderen Dienst an Holocaust-Überlebenden ausgezeichnet. "Der Marsch des Lebens steht für die Aufarbeitung der Vergangenheit, für Vergebung und Versöhnung sowie für eine deutliche Stellungnahme gegen Antisemitismus und für Israel", wirbt die Initiative auf ihrer Website. Pastor Barthel, der den viertägigen Lebens-Marsch aus Hersbruck nach Dachau organisiert, sagt: "Es geht nicht um einen Bußmarsch, wir treffen auch keine politische Aussage zu Israel." Die Initiative habe nichts mit der TOS zu tun, nur der Impuls sei von Jobst Bittner ausgegangen. Die Bedenken der Kritiker seien ihm bekannt, sagte Barthel, seien jedoch rasch zerstreut, wenn man die Initiative näher kennenlerne. Man wolle, dass sich die Nachfolger der Täter und der Opfer des Holocaust aussöhnen. "Das ist passiert, das tut uns leid, darf aber heute nicht unser Leben bestimmen", erklärte Pastor Barthel.

Massenmord bis Kriegsende

Die Todesmärsche der KZ-Häftlinge von Sommer 1944 bis zur militärischen Niederlage Hitler-Deutschlands am 8. Mai 1945 sind das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords. Im Januar 1945 waren NS-Angaben zufolge noch 714 000 Menschen in den deutschen Konzentrationslagern gefangen, die von den anrückenden Truppen der Alliierten geräumt wurden. Mehr als 35 Prozent dieser Häftlinge wurden auf den Todesmärschen ermordet und starben an Erschöpfung und Hunger oder erfroren, wie der Historiker Daniel Blatman erforschte. Die Häftlinge wurden zu Fuß oder in Eisenbahnen, häufig in nicht überdachten Güterwaggons, aus den Lagern in Osteuropa ins Reichsgebiet getrieben.

Von Mitte April zwang die SS mehr als 40 000 Gefangene in Richtung Süden. Ziel war für viele das Konzentrationslager Dachau, aus dem dann wiederum am 26. April etwa 10 000 Häftlinge auf Todesmärsche gezwungen wurden. Aus Hersbruck, einem Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg wurden am 5. April etwa 1220 Häftlinge in einen Eisenbahnzug Richtung Dachau getrieben. Die anderen Häftlingen mussten in fünf Kolonnen mit jeweils 600 Mann den etwa 150 Kilometer langen Marsch zu Fuß zurücklegen. Am 7., 8., 9. und 10. April trieb die SS je eine Gruppe von Häftlingen nach Dachau, die beiden letzten am 12. und 13. April, wie die Dokumentationsstätte KZ Hersbruck e. V. schreibt.

Nach Dachau kommen auch Häftlinge aus den Konzentrationslagern Natzweiler, Buchenwald und Flossenbürg sowie Dachauer Außenkommandos und Außenlagern. Am 29. April befreit die US-Armee 32 000 Menschen im Stammlager Dachau.HZ

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, sieht das etwas differenzierter: "Uns stört, dass das Schicksal der Überlebenden nicht im Vordergrund steht. Es geht, diesen Eindruck muss man gewinnen, eher um die Befindlichkeiten der Teilnehmer." Sie habe, gestützt auf das Votum des Stiftungsrats unter dem Vorsitz von Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), der Initiative jede Kooperation versagt. Als öffentliche Einrichtung ist sie ohnehin zur Neutralität in weltanschaulichen und religiösen Fragen verpflichtet. "Wir haben ein stilles Gedenken genehmigt", sagt Hammermann, "da es sich um keine verfassungsfeindliche Gruppierung handelt". Pfarrer Mensing sieht da "theologische Sonderwelten" aus "einer dämonologischen Deutung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen mit psychologischen, genetischen und biblizistischen Deutungen".

TOS-Leiter Bittner spricht von einer "Decke des Schweigens", die von Generation zu Generation weiter gegeben werde. Und: "Offensichtlich gibt es hinter der sichtbaren Realität ebenso auch eine unsichtbare, in der eine Auseinandersetzung zwischen der Gemeinde und einzelnen Christen und den Mächten der Finsternis stattfindet." Nach dem Gedenken feiern die Teilnehmer im Bürgerhaus in Karlsfeld das "Fest des Lebens" - "mit gemeinsamem Abendessen, israelischen Liedern und Tänzen, Zeugnissen der Marschteilnehmer, Segnung", wie die Gruppierung ankündigt. Es solle nicht nur Bedrückung herrschen, sagt Barthel.