Für den Tassilo-Preis nominiert Innovativ

Warum die Bigband Dachau musikalisch beeindruckt

Von Andreas Pernpeintner, Dachau

Die Energie der Bigband Dachau trifft einen mit Wucht. Zwei Schlagzeuger brettern den Beat in die Trommeln, dazu kommen ein mächtig verstärkter Bass, eine virtuose E-Gitarre, Synthesizer und E-Piano - und natürlich eine Bläsersektion, die vom tiefen Bariton-Saxofon bis zur hellen Solotrompete die ganze Farbpalette eines satten Bigband-Sounds abdeckt. Spielt diese Band gepflegten Swing? Ganz und gar nicht. Und doch bringt sie auf den Punkt, was einst den Swing ausmachte: Der Swing, das war heiße Musik für die Jugend. Musik für ausgelassene Nächte im Tanzclub. "Zur Bigband soll wieder getanzt werden", lautet deshalb das Motto der Bigband Dachau.

Mit dieser Herangehensweise kapert sie Rocksongs wie Jimi Hendrix' "Foxy Lady", lässigen Funk wie Stevie Wonders "Sir Duke", Rap-Nummern wie "Insane in the Brain" von Cypress Hill - und die Eigenkompositionen der Bandleader Tom Jahn und Jörg Hartl fügen sich perfekt ein. Das Ergebnis: ein hemmungsloser Bigband-Rock-Electrobeat-Soul-Funk. "Wenn du denkst, es kann dich nichts mehr überraschen, kommt die Bigband Dachau", stellte dazu das Bayerische Jazzinstitut fest. 2015 brachte ihr spektakulärer Sound der Bigband Dachau beim Landeswettbewerb "Jugend jazzt" die Bestnote ein, sie unternahm eine Tour durch Österreich und Italien, spielte auf der Expo in Mailand und beim Münchner Streetlife-Festival. Kein Wunder, dass man die Band in Dachau als "Aushängeschild" empfindet: Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider beeindruckt, wie rasch sie "einen eigenen, speziellen Sound gefunden hat". Die Band zeige, dass Dachau ein Lernort mit historischer Verantwortung, aber auch eine lebendige Kulturstadt sei. Deshalb hat die Stadt die Aufnahme der neuen Bigband-CD mitgefördert, die bei Artmode Records erschienen ist und von der Band vertrieben wird. "Der verdammte Beat" heißt die Scheibe. Jörg Hartl hat sie liebevoll produziert, bis zu 150 Audio-Spuren aufgetürmt und in acht Titeln, Eigenkompositionen und Cover-Nummern, die Vielfalt der Band eingefangen.

Tom Jahn, Hauspianist von Stefan Dettl, schreibt die Arrangements, die künstlerischen Anspruch und musikpädagogisches Gefühl ideal verbinden.

(Foto: Niels Jørgensen)

Beim rauschenden Dachauer Release-Konzert am 16. April wurde die CD präsentiert. Eine kleine Bayern-Tour, die die Band nach Kempten, Landsberg, Passau und München führt, schließt sich derzeit an. Gut so, denn am meisten Freude bereitet diese Band einfach, wenn sie auf der Bühne zu erleben ist - so unlängst auf dem Dachauer Amperitiv-Festival: Die Bigband verwandelt unter der Leitung von Tom Jahn das Repertoire der CD in ein fulminantes Live-Erlebnis. Wie ein Derwisch fegt Jahn zusammen mit dem Münchner Sänger JJ Jones (der Bigband treu verbunden) im schwarzen Anzug und in weißen Schuhen mit blinkender Sohle vor seiner in kreischende Disco-Klamotten gewandeten Truppe umher, wirft das Haupt wie ein Hardrocker in Trance. Jahn heizt das Publikum an, rappt mit der Trompeterin Franzi Wirthmüller, die sich neben JJ Jones zur Leadsängerin mausert - und: Jahn erschafft mit präzisem Dirigat grandiose Live-Arrangements, fordert heiße Soli, lässt Stücke mit heftig stampfenden Electrobeat-Passagen ausdehnen oder zu Medleys zusammenspannen. Als studierter Jazzpianist und Mitglied der Musikprojekte um Stefan Dettl, den Frontmann von La Brass Banda, weiß Jahn, wie man Spielfreude zelebriert.

Wie intensiv die Bigband Dachau dafür probt, ist zu erleben, wenn man das Vereinsheim der Knabenkapelle Dachau besucht. Diese ist ein Jugend-Blasorchester für traditionelle Blasmusik. Mehr Tradition geht nicht. Hier war Jörg Hartl, Jazztrompeter und heute Mitglied von La Brass Banda, Trompetenlehrer, als er 2010 beschloss: "Dachau hat keine Bigband, also gründen wir eine." Und zwar unter dem Dach der Knabenkapelle. Da prallen Kulturen aufeinander. Aber das gelingt bestens: Wenn Tom Jahn im Probenraum seiner Bigband einen heftigen Groove verordnet und die Bläser kollektiv improvisieren lässt, thront hinter ihm die Standarte der Knabenkapelle. Festgottesdienst und Wiesn-Umzug lassen grüßen. Geht der Knabenkapellenvorsitzende Tilo Ederer ins Bigband-Konzert, tauscht er Lederhosen gegen Jeans. Vieles ist möglich, wenn alle über ihren Tellerrand schauen. Und Ederer ist froh, die Bigband zu haben: Sie sei für viele Knabenkapellenmitglieder ein Ansporn, sagt er.

Die Mischung macht's. Musikschüler, Studenten und Profis finden zu einem spannenden Projekt zusammen, das von der Dynamik lebt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Damit ist man beim Kernpunkt, warum die Bigband einen der SZ-Tassilo-Kulturpreise erhalten sollte: Sie wird angeführt von Profimusikern, versierte Rockhaudegen spielen mit, Mitglieder des Landes-Jugendjazzorchesters, Musikhochschulstudenten. In der Bigband spielen also vollwertige Bandmitglieder aber auch Jugendliche, die auf ihrem Instrument noch nicht so weit sind. Deshalb entspringt die herzhafte Rock- und Beat-Orientierung als Markenzeichen nicht nur stilistischer Überzeugung, sondern sie hat zugleich mit der Nachwuchsarbeit zu tun. Rockmusik, sagt Tom Jahn, ist dafür perfekt: Sie gefällt den Jungen - und im Gegensatz zu kniffligem Jazz kann man sie so arrangieren, dass sie von Instrumentalschülern wirkungsvoll dargeboten werden kann. Dass innovativer Bigband-Sound und musikpädagogisches Einfühlungsvermögen derart ideal zusammenfinden können, ist so erstaunlich wie wunderbar.

Bigband Dachau mit Soundbeispielen unter www.bigband-dachau.de.