Freising Die Vision des Museumsdirektors

Christoph Kürzeder, der Direktor des derzeit geschlossenen Freisinger Diözesanmuseums, kann für seine künftigen Ausstellungen aus einer sehr großen Sammlung mit inzwischen etwa 40 000 Objekten schöpfen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Das Diözesanmuseum soll sich nach den Vorstellungen von Christoph Kürzeder von einem bildungsbürgerlichen Lernort zu einem Ort der Kommunikation entwickeln. Es soll zeigen, wie sich Kirche in der Gesellschaft präsentiert

Interview von Petra Schnirch, Freising

Damit hatten die Erzdiözese München-Freising, zu der auch Dachau gehört, und Museumsdirektor Christoph Kürzeder nicht gerechnet. Wie ein Schock wirkte es, dass der Stadtrat den Bauantrag zur Sanierung des wegen Brandschutzmängeln seit 2013 geschlossenen Diözesanmuseums ablehnte, weil das Oktogon, der turmartige Anbau, abgerissen werden soll. Nach intensiven Gesprächen stimmten die Freisinger Kommunalpolitiker doch für die Umbaupläne. Die SZ sprach mit Kürzeder über das neue Museum.

SZ: Sind Sie erleichtert, dass der Stadtrat dem Bauantrag für das Diözesanmuseum im zweiten Anlauf zugestimmt hat?

Christoph Kürzeder: Ja, natürlich, nach der intensiven Planungszeit und der doch sehr gelungenen Neukonzeption des Museums ist es eine Erleichterung. Das halbe Jahr hat auch einige Denkprozesse in Bewegung gesetzt.

Bei Ihnen?

Bei vielen Seiten, auch in der Stadt Freising. Es hat ganz gut zur Bewusstseinsbildung beigetragen, was das Museum für die Stadt bedeutet. Oft wird der Prophet im eigenen Land nicht so sehr wahrgenommen. Die große überregionale Aufmerksamkeit war sehr positiv für das Projekt - und die Freisinger haben gesehen, dass wir hier eine tolle Institution haben.

Und für die Erzdiözese?

Für unsere Seite war es wichtig zu sehen, ob die Chancen einer solchen Einrichtung auch wirklich erkannt werden - und ich glaube, das ist jetzt so. Wir ziehen an einem Strang. Ich spanne jetzt einen weiten Bogen: Das Vorhaben ist mit einer Vision verbunden, die weit über das klassische Museumsprojekt hinausgeht. Es zeigt, wie sich Kirche in der Gesellschaft, in Kunst und Kultur, präsentieren wird. Da ändert sich gerade sehr viel. In der Gesellschaft gibt es eine große Offenheit für Themen der Religion, die in unserer Kulturgeschichte und für die Identität jedes einzelnen prägend ist. Über ihre Bedeutung wird viel diskutiert, weil wir derzeit mal wieder auch das Zerrbild von Religion kennenlernen.

Wird sich die Konzeption des Museums stark verändern?

Sie muss sich heute ändern - von einem bildungsbürgerlichen Lernort zu einem Ort der Kommunikation, wo Menschen sich mit den Dingen auseinandersetzen und nicht nur kunsthistorisch aufgeklärt werden; wo man schaut, warum uns Themen durch die Geschichte beschäftigen.

Was bedeutet das für das neue Diözesanmuseum?

Wir werden im ersten Stock zwar eine Dauerausstellung haben, aber wir werden sie, bis auf ein paar unverrückbare Leitobjekte, thematisch immer wieder mit neuen Schwerpunkten verändern. Wir können ja aus einer sehr großen Sammlung mit inzwischen etwa 40 000 Objekten schöpfen. Im zweiten Stock haben wir den großen Bereich der Sonderausstellungen.

Inwiefern ändert sich die Präsentation?

Das eine ist die Reduktion. Eine unserer wichtigsten Erfahrungen war die Ausstellung in der Münchner Kunsthalle zum Thema Rokoko. Die große Frage war: Was passiert, wenn wir Objekte, die als Teil eines Gesamtkunstwerks geschaffen wurden, aus ihrer Umgebung herausnehmen? Es war ein unglaubliches Erlebnis zu sehen, wie die Figuren aus Neustift von Ignaz Günther, die Kirchenväter, ein Eigenleben entwickelten. Die Reduktion kommt unseren heutigen Sehgewohnheiten entgegen. Manchmal ist aber auch Fülle aussagekräftig, vor allem im Bereich der Volksfrömmigkeit - durch das Serielle, etwa bei Rosenkränzen. Das Haus wird als Museum gut funktionieren.

Wird das Gebäude innen wiederzuerkennen sein?

Der Gesamteindruck ändert sich kaum. Durch die Öffnungen der Treppenhäuser wird aber der Rhythmus des Lichthofs wieder erfahrbar. Die gegenläufige Treppe nach unten fehlt jetzt auf der einen Seite, sie wird wieder eingebaut. Der erste Eindruck des Besuchers wird künftig nicht ein konkretes Objekt sein, sondern der Lichtraum von James Turrell in der ehemaligen Kapelle. Es wird auch für uns überraschend sein, wie sich das Haus durch diese starke Installation verändern wird.

Gibt es einen Wunschtermin für die Eröffnung?

Ich habe gelernt, mich von diesen Wunschterminen zu verabschieden (lacht). Es gibt einfach zu viele Unbekannte. Da ist zum Beispiel die Baulogistik, die gelöst werden muss. Wie komme ich mit schwerem Gerät auf den Domberg? Wir haben zwei Torbögen, die den Zugang erschweren.

Braucht es besondere Anreize, um Leute aus München nach Freising zu locken?

In der Großstadt gibt es eher die Bereitschaft, spontan eine Ausstellung zu besuchen. Das Plus von Freising ist, dass das Museum nicht isoliert ist. Der Domberg als historisches Monument und als erlebbare Geschichte bilden ein Gesamtpaket. Aber trotzdem ist es schwierig, die Menschen zu motivieren, da ist ein großes Netzwerk wichtig. Kurz vor der Schließung hatten wir zum Beispiel eine große Kooperation mit den Vatikanischen Museen zum Thema Papsttum. Wir hatten schon Leihverträge für an die 90 Objekte abgeschlossen. Die Frage ist: Was kann ich hier bieten, was ich so in einem Museum in München nicht sehen kann. Dauerausstellungen sind nicht mehr die Motivation, in ein Museum zu gehen.

Hätten Sie sich das Museum tatsächlich an anderer Stelle vorstellen können?

So ein Museum kann man sich prinzipiell an vielen Orten vorstellen. Dass es in Freising ist, hat historische Gründe. Es ist aber kein schlechter Standort. Freising ist eine liebenswerte Stadt, die attraktiv für einen Besuch ist. Es ist auch schön, einen Ort zu bespielen, der in einer so angenehmen Weise anders ist. Wichtig ist, dass ein positiver Geist herrscht, dass sich die Leute willkommen fühlen - auch weil die Mitarbeiter freundlich sind. Das haben uns viele Besucher bestätigt. Das war hier im Haus schon immer ein hoher Wert.

Wie wichtig ist die geplante Gastronomie?

Sie liegt mir sehr am Herzen. Bei einem Museum dieser Größenordnung ist das heute Standard. Die Besucher wollen sich eine Ausstellung anschauen, ohne sich ein Zeitlimit zu setzen, und auch mal eine Pause machen. Wie das Konzept konkret ausschauen wird, kann ich noch nicht sagen. Wie in Beuerberg mit der Klosterküche sollen aber Themen der Ausstellungen aufgegriffen werden. Es wird in jedem Fall keine Versorgungsgastronomie werden, Essen und Trinken gehören zur Lebenskultur, zumal an so einem Ort mit dieser wunderbaren Aussicht von der Terrasse auf die Stadt und an schönen Tagen bis ins Gebirge.

Ein Museum als Wohlfühlort?

Ziel ist es, dass die Leute - auch die Kinder - gerne in das Museum gehen. Auch mit unserem Vermittlungsprogramm wollen wir alle Generationen erreichen. Museumspädagogik ist kein Kinderbespielungsprogramm mehr. Wir wollen die Distanz abbauen. Ich habe mich selber schon so viel in Museen gelangweilt. Das bedeutet aber nicht, dass wir eine Event-Maschine werden. Und natürlich wollen wir auch die Freisinger stärker erreichen. Denn bisher war der Prozentsatz der Freisinger bei den Besucherzahlen eher gering - oder manche wussten noch gar nicht, dass es ein so schönes Museum auf dem Domberg gibt.