Dachauer Nachkriegsgeschichte Braune Pflanzen

Buch zum Thema

Wie soll mit historischen Orten umgegangen werden, die früher zwar zu Lager- und Grenzanlagen gehörten, heute aber außerhalb der Gedenkstätten liegen und verfallen? Auf einer Tagung der KZ-Gedenkstätte Dachau diskutierten Experten über den Umgang mit dem "Kräutergarten" und ähnlichen Baurelikten, die in Vergessenheit geraten sind. Die Bandbreite der Vorschläge reicht von Sanierung und Rekonstruktion der Anlagen, bis hin zum Konzept eines "kontrollierten Verfalls". Zusammengefasst und veröffentlicht wurden die Beiträge in einem Sammelband mit dem Titel "Sanierung - Rekonstruktion - Neugestaltung: Zum Umgang mit historischen Bauten in Gedenkstätten". Herausgeber sind die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau Gabriele Hammermann und der wissenschaftliche Mitarbeiter Dirk Riedel. In dem Band findet sich auch ein Bericht von Axel WiIl über seine bauhistorische Untersuchung des Kräutergartens. Ergebnis: "Der originale Zustand, die Ausführung und Nutzung lassen sich eindeutig erkennen und rekonstruieren." Das 184-seitige Buch mit Abbildungen ist im Wallstein-Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro. gsl

Wie ehemalige Nazis nach 1945 weiter auf dem Kräutergarten-Gelände wirkten

Von Gregor Schiegl

Dachau - Nach der Befreiung des Konzentrationslagers führten Überlebende und Zivilangestellte den "Kräutergarten" unter dem Namen "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung" treuhänderisch fort. Sie wollten die Anlage als eigenen Wirtschaftsbetrieb übernehmen, die Gewinne sollten Überlebenden und Hinterbliebenen als Wiedergutmachung zugute kommen. Kultusminister Alois Hundhammer machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Er setzte sich dafür ein, die Anlage dem Institut für pharmazeutische Arzneimittellehre der Technischen Universität München zur Verfügung zu stellen. Dem schloss sich der Ministerrat 1948 an - trotz mehrerer Resolutionen von bayerischen Überlebendenverbänden. Hundhammer hatte 1933 zwar selbst als Häftling im KZ Dachau eingesessen. Doch als Christsozialer hegte er größte Vorbehalte gegen jede Unterstützung von Kommunisten, von denen es im politischen Lager Dachau viele gegeben hatte.

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte, diagnostiziert hier bereits den vorherrschenden "antikommunistischen Konsens" der jungen westdeutschen Nachkriegsgesellschaft: Wenigstens konnte man sich darauf einigen, Gewinne und Pachterträge ehemaligen Lagerinsassen und Hinterbliebenen zukommen zu lassen. Die steigenden Lohnkosten machten den Betrieb allerdings bald unrentabel. 1949 wurde der Betrieb eingestellt, alle 400 Mitarbeiter wurden entlassen.

In den folgenden zwei Jahrzehnten übernahmen mehrfach ehemalige Vertreter der nationalsozialistischen Ernährungswissenschaft und "Lebensreformbewegung" die frühere Versuchsanstalt. Die braunen Netzwerke funktionierten noch immer. Von 1954 bis 1957 nutzte das schwäbische Pflanzensaftwerk Schoenenberger einen Teil des Areals. 1957 ging das gesamte Gelände in den Besitz der Stadt Dachau über, die die alten Gebäude aufwendig instand setzte, um sie der "Internationalen Gesellschaft für Nahrungs- und Vitalstoffforschung" in Hannover (IVG) zu verpachten. Sie untersuchte dort bis 1965 Reformhausprodukte auf ihren Nährstoffgehalt. Präsident dieser Gesellschaft war Professor Hans-Adalbert Schweigart. Er war bereits 1931 Mitglied der SA und der NSDAP. Schweigart galt als glühender Verfechter nationalsozialistischer Gesundheits- und Ernährungspolitik. Während des Kriegs entwickelte er Ernährungspläne für die Wehrmacht. Schweigart ist nur eines von vielen Beispielen, das zeigt, wie eng die Ernährungswissenschaften mit dem NS-System verflochten waren. "Das wurde von den seit den 1970er Jahren entstehenden alternativen Bewegungen häufig genug verdrängt und verschleiert", sagt Hammermann. Auch 70 Jahre nach Kriegsende ist die NS-Vergangenheit keineswegs lückenlos ausgearbeitet.

In den 1980er Jahren, als die Stadt Dachau keine Mühen scheute, ihre Vergangenheit als Künstlerkolonie aufzupolieren, um dem historischen Bild Dachaus als Standort des ersten deutschen Konzentrationslagers das freundlichere Image eines "anderen Dachaus" gegenüberzustellen, verschwand auch ein großer Teil des Kräutergartens. Schrittweise wurde das Areal in ein Gewerbegebiet umgewandelt, zahlreiche Relikte der früheren "Deutschen Versuchsanstalt" wurden zerstört. In den relativ gut erhaltenen Gebäuden des zentralen Komplexes wurden Sozialwohnungen und eine Obdachlosenunterkunft errichtet. Seit 2014 dienen die Räume im ehemaligen Lehr- und Forschungsinstitut als Unterkunft für Asylsuchende.

Vielleicht sind sie in einigen Jahren ein Ausstellungs-, Lern- und Diskussionsort über ein lange verdrängtes Stück Zeitgeschichte und über dessen allmähliche Rückkehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.