Dachau Zeuge einer untergegangenen Welt

Naum Chejfez aus Minsk hat Majdanek, Auschwitz und Dachau überlebt. Am Holocaust-Gedenktag spricht er im Thoma-Haus

Nur 13 von zweitausend Männern des Minsker Transports, des einzigen aus dem Ghetto der weißrussischen Hauptstadt im Juli 1943, haben das Kriegsende erlebt. Einer davon ist Naum Chejfez, der am internationalen Holocaust-Gedenktag, 27. Januar, im Ludwig-Thoma-Haus spricht. Naum Chejfez war 18, als die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel. Sechs Tage später besetzten Einheiten Minsk und trieben die jüdische Bevölkerung, etwa 60 000 Menschen, in ein Ghetto. Naum Chejfez überlebte Zwangsarbeit und Terror im Minsker Ghetto, dem größten in Osteuropa, in Majdanek, Auschwitz, Dachau und vielen Außenlagern.

Auf dem Todesmarsch von Dachau in Richtung Tirol wurde er im April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. Seine Mutter und seine beiden Schwestern wurde im Ghetto ermordet, auch fast alle Freunde und Verwandten hat der heute 92-Jährige im Holocaust verloren. Naum Chejfez kehrte in seine Heimat zurück und lebt heute in Minsk, dessen jüdische Bevölkerung fast ausgelöscht war. In Weißrussland lebten vor dem Zweiten Weltkrieg etwa 850 000 Juden, mehr als 700 000 fielen dem Massenmord zum Opfer. Wehrmacht und SS führten überhaupt einen Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung. Jeder Vierte der insgesamt 10, 6 Millionen weißrussischen Einwohner kam dabei ums Leben, Hunderte von Städten und Dörfern wurden vollständig vernichtet.

Einer offiziellen Zählung im Jahre 2009 zufolge leben heute in Weißrussland mit mehr als zehn Millionen Einwohnern noch 13 000 Juden. Vertreter der jüdischen Gemeinden schätzen dagegen die Zahl auf 50 000. Eine verheerende Bilanz für ein Land, das noch Anfang des 20. Jahrhunderts von der jiddischen Schtetl-Kultur geprägt war, wie sonst nur Ostpolen und die Ukraine. Naum Chejfez wird über die deutschen Verbrechen in seinem Land sprechen, für die bis heute die Bundesrepublik Deutschland sich öffentlich nicht entschuldigt hat. Aber der Zeitzeuge berichtet auch aus der reichen jüdischen Kultur und dem Alltagsleben der jüdischen Gemeinden des europäischen Landes vor dem Zweiten Weltkrieg. Nur in der Weißrussischen Sowjetrepublik, nirgendwo sonst im Europa, war das Jiddische in den Zwanziger Jahren neben Russisch, Weißrussisch und Polnisch als Staatssprache anerkannt - was Juden vor Verfolgung und Repressionen der sowjetischen Staatsmacht nicht schützte, die Hebräisch verboten, religiöse Einrichtungen, Schulen und Synagogen schlossen. Ausgelöscht aber wurde das Judentum von den Deutschen.

Das Zeitzeugengespräch moderiert die Historikerin Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau. Verena Brunel wird übersetzen. Die Veranstaltung am Mittwoch, 27. Januar, im Ludwig-Thoma-Haus in der Augsburger Straße 23 beginnt um 19 Uhr. Der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 wird in Deutschland seit 1996 als "Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus" begangen. Der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit hat als Zeitzeugen in diesem Jahr Naum Chejfez ausgewählt und nach Dachau eingeladen.