Dachau "Wir müssen über das Jetzt reden"

Mit der Geschichte beschäftigt sich die Jugend auch dieses Jahr.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Die Teilnehmer der Internationalen Jugendbegegnung wollen in Workshops und Zeitzeugengesprächen Antworten für die Zukunft finden

Von Anna-Sophia Lang, Dachau

Eines stand bei der Feier zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im Mai dieses Jahres ganz besonders im Vordergrund: Die Frage, wie die Erinnerung weitergetragen werden kann. Es bleiben immer weniger Zeitzeugen, die erzählen können, und etwa 80 Prozent der Deutschen wünschen sich laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Januar, die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich zu lassen". Das, da waren die Redner der Gedenkfeier einhelliger Meinung, dürfe nicht passieren. In der Verantwortung sehen sie vor allem junge Menschen. "Auf die Jugend kommt es an", sagte Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD). Genau dafür engagieren sich die Initiatoren der Internationalen Jugendbegegnung in Dachau schon seit Jahrzehnten. An diesem Samstag, 1. August, beginnt die Veranstaltung zum 33. Mal.

Dann treffen sich wieder etwa 100 Jugendliche aus aller Welt, um sich bei Workshops, auf Exkursionen und in Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden gemeinsam mit der Geschichte des Dachauer Konzentrationslagers und des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Sie sollen aber auch darüber hinaus ins Gespräch kommen. "Was heißt es, damit umzugehen?", fasst Christine Tröger von der Evangelischen Jugend München, die das Projekt seit vielen Jahren mit organisiert, das Ziel zusammen. "Es hat wenig Sinn, 14 Tage in der Vergangenheit zu wühlen", sagt sie. Manche Teilnehmer hätten selbst Kriegserfahrungen gemacht und dadurch eine andere Perspektive. "Wir müssen über das Jetzt reden", sagt Tröger. Wichtig sei für die Jugendlichen, zu erkennen, dass es sich bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht nur um Zahlen handle: "Es hat etwas mit uns zu tun. Wir müssen uns fragen, was das für unsere Zukunft heißt." Verschiedene Nationalitäten teilen sich während der zwei Wochen die Zimmer. "Da geht das Lernen, das Verstehen los, da werden Grenzen überschritten und Vorbehalte abgebaut."

Marie Telschow leitet das Projekt in diesem Jahr zum ersten Mal. Sie hat schon bei mehreren Jugendbegegnungen mitgearbeitet, die Dachauer Veranstaltung ist aber für sie die erste, bei der es um den Nationalsozialismus geht. Auch ansonsten gibt es einige Neuerungen. Die Jugendlichen können sich dieses Jahr zwei Workshops aussuchen. Darunter sind neben solchen, die sich mit dem ehemaligen KZ und der Geschichte beschäftigen auch traditionell viele, die auf Gegenwart und Zukunft abzielen. In einem Workshop geht es um das Thema "Rassismus und die Macht der Medien", einer trägt den Titel "Neonazismus in Europa", ein anderer "Geschichte(n) von Rettern und Tätern - Lernen über Verantwortung". Zu "Kunst im KZ Dachau" kommt der Überlebende und Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau Max Mannheimer, der seit den 1950er Jahren unter dem Pseudonym ben jakov malt. Gemeinsam mit ihm werden die Teilnehmer ihre Impressionen aus dem Workshop künstlerisch verarbeiten.

Auch beim "Tag der Gedenkorte" spielt Kunst eine Rolle. Während ihrer Besuche am ehemaligen SS-Schießplatz in Hebertshausen, dem KZ-Friedhof auf dem Leitenberg und dem virtuellen Denkmal memory loops in München sollen die Jugendlichen kreativ werden. Sie können fotografieren, Eindrücke Formen aufschreiben oder kleine Skulpturen gestalten. Beim "Fest der Begegnung" am Samstag, 8. August, um 18.30 Uhr, werden die Ergebnisse der Workshops ausgestellt. Auch das ist ein neues Konzept, das zum ersten Mal bei der 30-Jahr-Feier des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung ausprobiert wurde. "Es soll eine Art Vernissage sein", sagt Tröger. Beim Fest sollen die Besucher mit den Teilnehmern und Teamleitern ins Gespräch kommen.

Genau das sollen die Jugendlichen in Dachau selbst auch: vor allem mit Zeitzeugen und KZ-Überlebenden. Christine Tröger erinnert sich an eine Teilnehmerin eines Workshops in München, die nach der Begegnung sagte: "Ich habe ein Buch über den Holocaust gelesen, aber jetzt weiß ich, dass alles noch viel schlimmer war." Zum ersten Mal kommt in diesem Jahr auch die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano. Welche der Überlebenden am Zeitzeugen-Café am Sonntag, 9. August, um 15 Uhr teilnehmen, ist laut Marie Telschow noch nicht sicher. Schon um 13.30 Uhr beginnt das Programm an diesem Tag mit dem "Gebet der Begegnung". Den Gottesdienst organisieren die Jugendlichen erstmals selbst mit. Er steht im Gegensatz zu den letzten Jahren für alle Religionen offen. Die Veranstaltungen finden im Jugendgästehaus, Roßwachtstraße 15, statt. Weitere Informationen unter www.jugendbegegnung-dachau.de.