Dachau Sieben von sechs Millionen

Oberbürgermeister Hartmann verliest die Namen der Dachauer Juden, die in Konzentrationslagern ermordet worden sind

Sechs Millionen europäische Juden - sechs Millionen Welten haben die Deutschen vernichtet - und die Millionen, die aus dem Leben der Opfer entstanden wären - Europa hat sich davon nicht wirklich erholt. Auch ihre Namen, jede Erinnerung an die Opfer des Massenmordes wollten die Nationalsozialisten auslöschen. Das gelang nicht. Oberbürgermeister Florian Hartmann liest beim Pogrom-Gedenken im Rathausfoyer die Namen der ermordeten Dachauer Juden vor, sieben von sechs Millionen.

Der blinde Musiklehrer Hans Neumeyer aus München. Er lebte mit seiner evangelischen Ehefrau Vera in Dachau seit September 1920 und hatte mit ihr zwei Kinder, Ruth und Raimund. Die Familie wohnte bis zur Vertreibung in der heutigen Hermann-Stockmann-Straße 10. Im Juni 1942 wurde Hans Neumeyer von München aus ins KZ Theresienstadt verschleppt und am 18. Mai 1944 im Alter von 56 Jahren ermordet. Die Tanz- und Gymnastiklehrerin Vera Neumeyer wurde 1942 in ein KZ verschleppt und vermutlich in Majdanek im Alter von 49 Jahren ermordet. Nach der Vertreibung aus Dachau konnten die beiden noch 1939 ihre 14- und 15-jährigen Kinder nach England in Sicherheit bringen.

Hans Neumeyer lebte mit seiner Frau Vera bis zu seiner Vertreibung in der heutigen Hermann-Stockmann-Straße 10.

(Foto: Stefan Salger (Repro) )

Der Kaufmann Julius Kohn, lebte seit 1927 in Dachau bei den Neumeyers. Er wurde vom 11. November 1938 an fast einen Monat lang im KZ Dachau geschunden. Von München aus wurde Kohn, der inzwischen zur katholischen Kirche übergetreten war, im März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort im Alter von 57 Jahren ermordet. Max und Melitta Wallach, Betriebsleiter der Trachtenfabrik Wallach, lebten seit 1922 in der Oskar-von-Miller-Straße 1 in Dachau. Max Wallach und seine Frau wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert und im Oktober 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz, wo er im Alter von 69 Jahren, seine Frau im Alter von 50 Jahren ermordet wurden. Ihnen war es gelungen, 1939 ihren 15-jährigen Sohn Franz nach England in Sicherheit zu bringen. Alice Jaffé wohnte als Kaufmannswitwe von 1932 bis 1937 in Dachau, wo auch ihre erwachsene Tochter Johanna lebte. Ende 1941 musste Alice Jaffé in München in ein Sammellager ziehen, 1942 wurde sie ins KZ Theresienstadt und am 18. Mai 1944 nach Auschwitz verschleppt. Sie wurde 69 Jahre alt.

Der Arzt Samuel Gilde, der am 8. Januar 1874 in der litauischen Stadt Kaunas geboren wurde. Über Jahre hatte er eine eigene Praxis in München, die er wohl wegen der Verfolgung durch die Nazis abgeben musste. Am 1. November 1938 zog er als Mieter ins Haus des jüdischen Schriftstellers Hermann Gottschalk in der heutigen St. Peter-Straße 2 in Augustenfeld, das später in die Stadt Dachau eingemeindet wurde. Vom 12. November bis zum 1. Dezember 1938 wurde Samuel Gilde im KZ Dachau geschunden. 1942 kam er erst ins Zwangsarbeitslager Flachsröste Lohof, dann nach Theresienstadt und wurde am 30. Juni 1944 im Alter von 70 Jahren ermordet. Hermann Gottschalk wurde ebenfalls vertrieben. Er überlebte in München durch die Treue seiner "arischen" Frau.

Mit ihrem Mann lebte Vera Neumeyer bis zu ihrer Vertreibung in der heutigen Hermann-Stockmann-Straße 10.

(Foto: Stefan Salger (Repro) )

SZ-Journalist Hans Holzhaider hat die Schicksale der Dachauer Juden unter dem Titel "Vor Sonnenaufgang" 1984 erzählt. Auf der lang vorbereiteten Liste mit den Dachauer Juden, mit der SA-Männer schon am Abend des 8. November loszogen, standen weitere Namen: der Viehhändler Samson Gutmann, der ehemalige Zeitungsverleger Heinrich Hirsch, der Justizrat Meinhold Rau und seine Frau Julia und der Diplomwirt Kurt Bloch.