Dachau Sadistische "Passionsspiele"

Als erstes religiöses Mahnmal auf dem Lagergelände entstand 1960 die Todesangst-Christi-Kapelle.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Im Konzentrationslager quälten die Nazis Priester aus ganz Europa

Gründonnerstag im Konzentrationslager Dachau: SS-Wärter geißeln den österreichischen Kaplan Andreas Rieser am nackten Oberkörper, bis das Blut spritzt. Dann winden sie ihm eine Dornenkrone - aus Stacheldraht. Am nächsten Tag hängen mehrere Priester an Baumstämmen, hochgezogen an ihren rücklings zusammengebundenen Händen. Der Erstickungstod kommt spätestens nach drei Stunden.

Kurz vor Ostern veranstalten Hitlers Folterknechte solche sadistischen "Passionsspiele" besonders gern mit inhaftierten Priestern. In Dachau haben sie seit Ende 1940 Geistliche verschiedener Konfessionen und Nationalitäten aus anderen KZs zusammengezogen: Orthodoxe, Protestanten, sogar zwei Muslime aus Albanien. Die meisten aber sind katholische Priester, vor allem aus Polen.

In den Baracken 26, 28 und 30 werden sie zusammengepfercht und zum Teil von anderen Gefangenen getrennt. Von den rund 2 800 Häftlingen im "Pfarrerblock" kommen bis Kriegsende etwa 1.100 um. Insgesamt sterben im KZ Dachau mehr als 30 000 Menschen. Und von denen, die von US-Truppen am 29. April vor 70 Jahren befreit werden, überleben viele nur kurze Zeit. So erliegt der einzige heimlich in einem KZ geweihte Priester Karl Leisner wenige Monate später seiner Tuberkulose-Erkrankung.

Dachau ist das erste KZ der Nazis, eröffnet schon im März 1933. Priester gelten ihnen bald als Staatsfeinde, so wie Juden, Gewerkschafter, Kommunisten und andere Oppositionelle. Die wenigsten Priester-Häftlinge sind aktive Widerstandskämpfer wie etwa der holländische Karmelit Titus Brandsma, der 1942 durch eine Giftinjektion ermordet und 1985 seliggesprochen wird. Manchmal genügt eine unbedachte Bemerkung über Hitler in einer Predigt oder im Religionsunterricht. Der oberbayerische Dorfpfarrer Korbinian Aigner bedauert vor seinen Schülern das fehlgeschlagene Attentat Georg Elsers, wird denunziert und landet hinter Stacheldraht.

Die Konzentration der geistlichen Gefangenen in Dachau geht auf eine diplomatische Initiative des Vatikan zurück, der auf Hafterleichterungen für katholische Priester drängt. Nach einer Intervention der Kirchenoberen können sie in einem eigens eingerichteten Kapellenraum täglich Messe feiern. Sie dürfen Mittagsschlaf halten, zeitweise gibt es für sie Sonderrationen an Wein und Bier. Diese Privilegien haben auch Nachteile. Unter Mithäftlingen verbreitet sich die Ansicht, die "Saupfaffen" seien arbeitsscheu und hätten eine Abreibung verdient.

Die meisten Geistlichen müssen auf einer Kräuterplantage schuften, wo es im Unterschied zu anderen Arbeitskommandos keine Brotzeit gibt.

Besonders zu leiden haben polnische Priester. Sie werden bevorzugt für pseudowissenschaftliche Versuche missbraucht. Man spritzt ihnen Eiter, angeblich, um neue Medikamente zu erproben. In einem Prozess gegen einen beteiligten Arzt vor dem Münchner Schwurgericht reicht der spätere Erzbischof von Stettin, Kazimierz Majdanski, 1975 seinem einstigen Peiniger die Hand zur Versöhnung. Sein Überleben verdankt Majdanski einem deutschen Pfleger, der ihm heimlich ein wirksames Mittel gegen die Entzündung verabreicht hat.

Solidarität im KZ ist mitunter lebensgefährlich. Das gilt für jede Form der Seelsorge an Mithäftlingen, die streng verboten ist. Nach dem Ausbruch einer Typhusepidemie melden sich rund 20 Priester freiwillig zum Dienst auf der Krankenstation - und nehmen damit auch ihren Tod in Kauf.

Schon bald nach dem Krieg kursieren viele solcher Heldengeschichten, wobei manches verklärt wird. Denn nicht alle Geistlichen in Dachau waren Heilige der Nächstenliebe - Egoismus und Kleinmut gab es auch unter ihnen. Neben denen, die ihre von Angehörigen geschickten Lebensmittel mit anderen teilten, waren solche, die ängstlich jeden Kanten Brot horteten, bis er in ihrem Spind verschimmelt war.

1960 entsteht auf dem Lagergelände ein erstes religiöses Mahnmal. Initiator ist der frühere Sonderhäftling Johannes Neuhäusler, inzwischen Münchner Weihbischof. Die katholische Kapelle erhält den Namen "Todesangst Christi".