Dachau Rettungsanker

Symposium und Ausstellung des Max-Mannheimer-Studienzentrums über das Schicksal von Überlebenden des NS-Terrors

Von Moritz Köhler, Dachau

Auf einer großen Holztafel ist das Bild einer Frau zu sehen. Sie ist ausgehungert, mager. Doch obwohl sie offensichtlich am Ende ihrer Kräfte ist, sieht sie glücklich aus. Schüchtern lächelt sie in die Kamera. Das Foto stammt aus dem Jahr 1945. Die Frau, Regina Zielinski, ist eine Überlebende des Vernichtungslagers Sobibor, das Bild zeigt sie in einem sogenannten DP-Camp, einem Auffanglager für Überlebende der Konzentrationslager.

Elf Millionen Menschen wussten nach der Befreiung aus den Lagern der Nationalsozialisten nicht, wie es weitergehen soll. Sie brauchten Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung und vor allem eine Perspektive für die Zukunft. Diese "Displaced Persons" kamen in zahlreichen Transitlagern unter, die von den Alliierten gegründet und organisiert wurden. Nun werden Experten aus aller Welt während eines Seminars im Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau vom 30. Mai bis zum 1. Juni über die Schicksale dieser Menschen und die Hilfe in den DP-Camps sprechen.

Als Teil des Seminars ist die Wanderausstellung "Wohin sollten wir nach der Befreiung?" des International Tracing Services (ITS) seit Montagabend im Studienzentrum zu sehen. Sie dokumentiert Geschichten von Displaced Persons mit Dokumenten auch aus ihrem Alltag in den Auffanglagern. Die Ausstellung ist in verschiedene Themengebiete unterteilt: Sie zeichnet den Weg von Überlebenden von der Befreiung bis hin zur Auswanderung nach. Und sie geht auf diverse Aufgaben der DP-Camps ein: So werden beispielsweise die Versorgung der Überlebenden und die besondere Behandlung von Kindern thematisiert.

Die Ausstellung des Max-Mannheimer-Studienzentrums lockt Experten aus aller Welt nach Dachau.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Kuratorin der Ausstellung, Susanne Urban, will den Besuchern erzählen, wie es für die Überlebenden weiterging: "Die Deutschen wollten sich damals nicht mit den DP-Camps beschäftigen. Es herrschte eine gewisse Ablehnung gegenüber den Überlebenden. Und leider wissen die Menschen auch heute wenig über die Displaced Persons." Wegen solcher Wissenslücken hat Urban zahlreiche Einzelschicksale in die Ausstellung aufgenommen und aus verschiedenen Winkeln beleuchtet. Neben den Erzählungen der Überlebenden finden sich daher auch Berichte über die Arbeit der Helfer in den DP-Camps. "Es ist mir sehr wichtig, die Rolle der alliierten Hilfsorganisationen hervorzuheben. Die DP-Camps waren nie deutsche Einrichtungen. Stattdessen haben sich die Alliierten darum gekümmert, was die Deutschen zerstört haben", sagt Urban.

Dazu zählt die Geschichte der US-Amerikanerin Susan T. Pettis, die sich der Hilfsorganisation UNRRA anschloss, um den Überlebenden in Deutschland zu helfen. Die UNRRA war eine Hilfsorganisation, die bereits 1943 gegründet wurde und nach Kriegsende die Versorgung der Überlebenden übernahm. Viele Überlebende zeigten sich damals dankbar für die Hilfe. In der Ausstellung findet sich auch ein Dankbrief an die Mitarbeiter der Organisation.

Mit vielen Menschen, die in der Ausstellung zu sehen sind, hat Urban persönlich gesprochen. "Ich denke, dass es wichtig ist, sich mit den Leuten persönlich auseinanderzusetzen. Eine reine Auswahl an Dokumenten aus den Archiven reicht dazu nicht aus." Bei der offiziellen Eröffnung erklärt sie, weshalb sie die persönlichen Gespräche mit Zeitzeugen so beeindruckt haben: "Die Displaced Persons waren Menschen, Individuen, die sich einen Weg zurück in ein normales Leben gekämpft haben." Wie schwierig dieser Weg ins normale Leben sein konnte, zeigt das Schicksal von Olga Horak. Sie hatte gemeinsam mit ihrer Mutter die Gefangenschaft im Vernichtungslager Auschwitz überlebt und war befreit worden, doch noch am Tag der Befreiung starb ihre Mutter. Olga Horak kam ins Lazarett in Bergen-Belsen, erholte sich und wanderte 1949 nach Australien aus.

Kuratorin und Historikerin Susanne Urban zeigt, wie es nach der Befreiung für Überlebende des NS-Terrors weiterging.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Dachau ist die fünfte Station der Ausstellung und die erste in Bayern. "Die Ausstellung hat einen sehr engen Bezug zu Dachau und Bayern. Hier waren viele DP-Camps, daher ist es schön, die Geschichten der Betroffenen hier zeigen zu dürfen", so Urban. Ein Großteil der Materialien für die Ausstellung stammt aus Archiven des International Tracing Services. Es entstand in der Nachkriegszeit als Nachfolgeorganisation der UNRRA und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Schicksale von Verfolgten zu klären. Familienangehörige können sich an die Organisation wenden und auf Auskünfte über verschollene Verwandte hoffen. Bis heute bearbeitet der ITS jährlich 15 000 Anfragen. Im Kloster Indersdorf ist gerade eine Ausstellung zu sehen, die sich mit dem gleichen Thema befasst. Dort waren Kinder untergebracht, welche den NS-Terror überlebt hatten.