Dachau Hüter der Erinnerung

Seit vielen Jahren bemüht sich die Georg-Elser-Initiative um ein würdiges Gedenken an den Hitler-Attentäter, der im KZ Dachau ermordet wurde. Auch dank des Films ist sie am Ziel angekommen. Eine Führung durch die Gedenkstätte

Von Julian Erbersdobler, Dachau

Die drei Holztüren, die zu Georg Elsers Zelle führen, sind weit geöffnet. Es zieht. Ähnlich muss es auch vor 70 Jahren gewesen sein, erzählt Pfarrer Björn Mensing den etwa 40 Interessierten zu Beginn seiner Führung. Die Türen seien immer offen gewesen, Elsers Zelle von einem SS-Mann bewacht. Hier, im Bunker des KZ Dachau, verbrachte der schwäbische Schreiner seine letzten acht Wochen. Als Sonderhäftling. Er durfte Zither spielen und hatte eine eigene Werkstatt. Dort endete das Leben eines Mann, der beinahe die Welt verändert hätte.

Zu seinem Gedenken ist an diesem sonnigen Tag auf Einladung der Georg-Elser-Initiative, der KZ-Gedenkstätte Dachau, der Lagergemeinschaft und Soli Dachau eine Gruppe interessierter Menschen an dessen Todesort gekommen. 15 Teilnehmer sind bereits vormittags mit dem Rad vom Georg-Elser-Platz in München zum ehemaligen Konzentrationslager gefahren, um an einen außergewöhnlichen Mann zu erinnern.

Georg Elser begriff schon im Herbst 1938, was andere noch Jahre später nicht verstehen wollen: Ohne radikalen Widerstand würde Europa in Flammen stehen. Und er wusste, dass Hitler regelmäßig am 8. November zum Jahrestag seines Putschversuches von 1923 im Münchner Bürgerbräukeller spricht. Es war seine Chance, die Spitze des Systems anzugreifen. Elser verschaffte sich Zugang zum Veranstaltungsort und präparierte in wochenlanger Arbeit eine tragende Säule des großen Saals für die Aufnahme eines Sprengkörpers. Am 8. November 1939 explodierte die Bombe. Adolf Hitler hatte den Saal nur wenige Minuten zuvor unerwartet verlassen. Acht Menschen kamen ums Leben, 63 wurden verletzt.

Pfarrer Björn Mensing (Bildmitte) führt die Radlergruppe der Georg-Elser-Initiative hin zum Ort, wo der Widerstandskämpfer getötet wurde.

(Foto: Toni Heigl)

Elser wurde beim Versuch, in die Schweiz zu entkommen, gefasst und der Polizei übergeben. Nach tagelangen Verhören gestand er seine Tat schließlich ein. In einem Verhörprotokoll zitierte ihn die Gestapo mit folgenden Worten: "Ich glaube an ein Weiterleben der Seele nach dem Tod, und ich glaubte auch, dass ich einmal in den Himmel kommen würde, wenn ich noch Gelegenheit gehabt hätte, durch mein ferneres Leben zu beweisen, dass ich Gutes wollte. Ich wollte ja auch durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern." Diese beeindruckenden Zeilen wurden auch beim ökumenischen Gedenkgottesdienst in der katholischen Klosterkirche Karmel Blut Heilig vorgelesen, der nach der Führung stattfand.

Pfarrer Björn Mensing führt die kleine Gruppe vom Bunker Richtung Krematorium. Dies sollen Georg Elsers letzte Schritte gewesen sein. Es geht lange am Zaun entlang, dann führt der Weg nach links. Wenige Meter vor dem Krematorium wacht ein Stein mit der Aufschrift "Gedenket wie wir hier starben". Pfarrer Mensing zeigt mit dem Finger auf eine Stelle im Grünen. Nach Zeugenaussagen soll es zwischen 22 und 23 Uhr gewesen sein, als hier am 9. April 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, ein Schuss zu hören war. Ein Schuss, der Georg Elsers Leben beenden sollte. Wenige Minuten später wird seine Leiche verbannt, offizielle Todesursache: ein Unfall. Als Pfarrer Mensing eine kurze Pause einlegt, läuten die Gedenkglocken.

Danach geht es zurück nach München - zur Kranzniederlegung zu Ehren des Hitler-Attentäters.

(Foto: Toni Heigl)

Auch wenn Elsers Geschichte grausam und bedrückend ist, lässt sich Hella Schlumberger die gute Laune nicht verderben. Es ist auch ihr Tag. Seit mehr als 25 Jahren kämpft die kleine quirlige Frau mit den rötlichen Haaren mit der Georg-Elser-Initiative für ein würdiges Gedenken. "Das war lange überhaupt nicht so, und auch heute wissen viele gar nicht, wer Georg Elser war", sagt sie. Die Nationalsozialisten sahen in Elser zunächst ein Werkzeug des britischen Geheimdienstes. Das glaubten auch viele Zeitgenossen, bis hinein in die Kreise des bürgerlichen und militärischen Widerstands. Eine andere, noch absurdere These: Der Attentäter sei selbst Nationalsozialist. Es dauerte bis ins Jahr 1979, ehe endgültig bewiesen wurde: Georg Elser war Einzeltäter.

Nach dem ökumenischen Gottesdienst, es ist vier Uhr, gehen Bahn- und Radfahrer zunächst getrennte Wege, bis sie zwei Stunden später am Georg-Elser-Platz in München wieder aufeinandertreffen. Es liegen Kränze aus, bewacht von vier Polizeibeamten. Die Vorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag, Margarete Bause, kommt mit dem Fahrrad, und dankt für das Engagement der Georg-Elser-Initiative. Sie sagt: "Georg Elser muss in der ersten Reihe der Widerstandskämpfer neben der weißen Rose und den Attentätern vom 20. Juli stehen."

Anschließend geht es wenige Meter weiter ins Kino - der letzte Programmpunkt: die Filmpremiere von Oliver Hirschbiegels "Elser - er hätte die Welt verändert". Nach packenden, emotionalen und an einigen Stellen grausamen Szenen bleiben auch nach dem Film viele Fragen ungeklärt. Was wäre passiert, wenn Hitler im Bürgerbräukeller ums Leben gekommen wäre? Hätte der Zweite Weltkrieg und der Massenmord an den Juden verhindert werden können?