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Joerg Lipskoch zeigt seine Porträtfotografie in der Neuen Galerie. Und kommt zum Künstlergespräch

Von Wolfgang Eitler, Dachau

Auf die Frage, wann denn nun ein Porträt im künstlerischen Sinne gelungen ist, sagt Joerg Lipskoch: "Wenn alles im Bild seinen Platz hat und der Blick des Porträtierten auf bestimmte Weise auf die Betrachter gerichtet ist." Die Frau mit den klaren Augen in der Neuen Galerie Dachau, die sich nicht neugierig oder provokativ an den Zuschauer wendet, sondern ihn warmherzig anblickt, vergegenwärtigt und erfüllt diesen Anspruch. Die Kleidung weist sie als Pflegekraft aus. Die kleine Pieta im Hintergrund lässt erahnen, dass diese Frau in der Hospizarbeit tätig ist. Dadurch erhält der warmherzige Blick eine ganz besondere Dimension.

Joerg Lipskoch ist einer der deutschen Künstler, die sich anscheinend besonders dem Vorbild August Sander verpflichtet, dem ersten großen Fotografen, der im Sinne der Neuen Sachlichkeit Menschen ablichtete und dabei ihre Berufe in den Mittelpunkt rückte. Der Notar oder der Schmied nehmen bei August Sander eine statuarische Haltung ein - gerade so, wie man berühmte Menschen in Positur in der klassischen Porträtmalerei darstellte. Nur sind es bei ihm bürgerliche Menschen.

Zaghaft selbstbewusst: Die Rhododendronprinzessin, aufgenommen von Joerg Lipskoch.

(Foto: Neue Galerie Dachau/oh)

Die Ausstellung in der Neuen Galerie präsentiert einen kleinen Ausschnitt einer großen in Nürnberg mit dem Titel "Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie". Lipskoch war dort ebenfalls vertreten. Der Katalog widmete ihm eigens ein Interview, in dem er seine Vorgehensweise erklärte. Oftmals hätten die ausgewählten Personen nur wenig Zeit. Gleichzeitig versuche er herauszufinden, was für den Darzustellen besonders charakteristisch ist sagte er. "Es muss, wenn auch nur kurz, eine große Nähe zwischen Fotograf und dem Menschen vor der Kamera entstehen." Auf Anweisungen verzichte er weitgehend. Denn: "Meist finden die Menschen ihre Position und ihre Haltung ganz von selbst." Wie die Ballerina, die nur bis zur Schulterpartie zu sehen ist. Sie ist typisch für die gerade Haltung eines Tänzerin. Oder wie der Hoteldirektor, der sich selbstbewusst, aber doch zurückhaltend präsentiert. Der Feuerwehrmann strahlt eine Ruhe und Zuverlässigkeit aus, als könnte ihn nichts erschüttern.

Jedes einzelne Bild für sich wirkt wie eine Momentaufnahme. Aber in der Verbindung eröffnen sie den Blick auf Menschen, die sich auf je ihre eigene Weise mit ihren Berufen identifizieren. Deshalb sagt Lipskoch in dem Interview: "Ich arbeite ausschließlich in Serien. Mich interessiert der Vergleich, der nur anhand von Sequenzen möglich ist." Ausstellungen für den Künstler sehr wichtig, weil er nun dann dieses serielle Spiel vollenden kann. Die Alternative sind Bücher.

Am Donnerstag, 2. Februar, 19 Uhr, kommt Joerg Lipskoch eigens in die Neue Galerie, um dort seine Sicht auf die Porträtfotografie zu erläutern. Und wer schon in Dachau weilt, will er nicht nur über seine Fotos reden und seine ästhetische Sichtweise darlegen. Tags darauf wird er Dachauer Bürger in ihrer Tätigkeit ablichten. Die Ergebnisse werden Teil der aktuellen Ausstellung mit dem Titel "Berufsbilder", die noch bis Sonntag, 19. März, in der KVD-Galerie zu sehen sind. Die weiteren Künstler neben Joerg Lipskoch aus Halle und August Sander sind: das Künstlerduo Thomas Bachler und Karen Weinert aus Dresden, Herlinde Koelbl aus München, Hannes Rohrer ebenfalls München, Stefan Schröder aus Dresden und Albrecht Tübke aus Leipzig.