Freiwilligenjahr in Dachau Geschichte begreifen

Warum die 22-jährige Ukrainerin Valeriia und die 21-jährige Alexandra aus London sich für ein Freiwilligenjahr der Aktion Sühnezeichen an der Versöhnungskirche gemeldet haben.

Von Veronika Königer, Dachau

Die Menschen dürfen Geschichte nicht vergessen, sie müssen sich erinnern und daraus lernen: Dieser Meinung sind Valeriia Plotnyk aus der Ukraine und Alexandra Usselmann aus London. Die beiden haben am Montag ihr Freiwilligenjahr mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in der Evangelischen Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau begonnen. Für beide ist es der erste Aufenthalt in der Stadt, für die 22-jährige Valeriia auch der erste in Deutschland. Sie kommt aus Kiew und hat dort nach ihrem Schulabschluss den Bachelor in englischer Linguistik gemacht. Sie hat schon öfters an Aktionen der ASF teilgenommen.

So auch an einem Sommerlager in Minsk, wo viele Zeitzeugengespräche mit Opfern des Nationalsozialismus aus verschiedenen Ländern stattfanden, und an einem Seminar im Konzentrationslager Auschwitz. Diese Erlebnisse spielten bei der Entscheidung für das Freiwilligenjahr ebenso eine Rolle wie die Geschichte ihres eigenen Landes: Aus Erzählungen weiß sie, dass die Zustände nach dem Krieg in der Ukraine sehr schlimm waren. Kiew selbst hat im Krieg eine traurige Rolle gespielt: In der Schlucht Babyn Jar in der Nähe der Stadt wurden von den Nationalsozialisten viele Juden und andere Systemgegner erschossen. Solche schrecklichen Ereignisse will Valeriia nicht in Vergessenheit geraten lassen: "Die Menschen sollen sich an die Geschehnisse erinnern, darüber sprechen und daraus lernen."

Valeriia und Alexandra sagen, dass sie in Dachau bereits gefühlsmäßig angekommen sind.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auch über Gedenkstättenarbeit lernen sie viel

Für die Engländerin Alexandra tritt vor allem der geschichtliche Aspekt bei diesem Auslandsjahr in den Vordergrund: die 21-Jährige hat ihren Bachelor in Englischer Literatur und Geschichte abgeschlossen und möchte nun mehr über die Historie Deutschlands lernen. Auch wenn der Nationalsozialismus kein Schwerpunkt ihres Studiums war, hat sie daran großes Interesse: "Ich finde es faszinierend, wie eine so kleine Minderheit über eine große Mehrheit herrschen konnte." Auf die Organisation ASF ist sie durch Zufall gekommen, als sie mit ihrer deutschen Mutter in Köln das NS-Dokuhaus besuchte und dort auf einen Flyer stieß, der auf das Freiwilligenjahr in der Versöhnungskirche aufmerksam machte. "Da ich sowieso ein soziales Jahr machen wollte, habe ich mich einfach beworben", erzählt sie.

Kennengelernt haben sich die beiden erst auf dem Vorbereitungsseminar der ASF. "Wir haben dort viel über die NS-Geschichte und den Umgang damit gelernt, aber nur ein bisschen über die Gedenkstättenarbeit", erklärt Alexandra. Das wurde in der ersten Woche in der Versöhnungskirche nachgeholt. Die Mädchen erhielten eine Einführung in die Arbeit dort, lernten das Team der Kirche kennen und beschäftigten sich mit dem Gedächtnisbuch für Häftlinge im KZ Dachau, dem Projekt des Dachauer Forums. Führungen geben die beiden noch nicht, dafür werden sie von Mitte Oktober bis Ende November in mehreren Wochenendseminaren noch eine Ausbildung zum lizenzierten Gastführer machen. Bis dahin haben sie aber genug zu tun: In der Versöhnungskirche stehen sie den Besuchern für Gespräche oder Fragen zur Verfügung und arbeiten nebenbei am Gedächtnisbuch.

Freiwilligenjahr der Aktion Sühnezeichen

"Ich bin froh, dass ich hier bin", sagt Valeriia.

"Da ich sowieso ein soziales Jahr machen wollte, habe ich mich einfach beworben", sagt Alexandra

Lieblingsfach Geschichte

Deutsch sprechen die Freiwilligen schon gut, auch Valeriia, die erst seit ungefähr einem halben Jahr Unterricht hat. Sie hat noch etwas Schwierigkeiten mit der Verständigung, aber ist freudig überrascht: "Die Leute sind alle sehr nett, sie helfen mir gerne". Alexandra dagegen lernt schon Deutsch, seit sie sechs Jahre alt ist. Ihre Mutter kommt zwar aus Köln, aber geboren ist sie in London als Kind eines Engländers, und da die Familie dort auch die ersten Jahre lebte, "hat das zweisprachig erziehen nicht so geklappt". Erst bei ihrem Umzug nach Holland änderte sich das: Auf der europäischen Schule, die sie besuchte, lernte man schon ab der ersten Klasse eine Fremdsprache. So richtig angestrengt hat sie sich darin aber erst, als ihr Lieblingsfach Geschichte auch auf Deutsch unterrichtet wurde. Jetzt ist sie froh: Nur so kann sie sich mit den Großeltern, die in der Nähe von Köln leben, gut verständigen.

Für die beiden Mädchen, die in einer von der ASF gemieteten Wohnung in der Dachauer Innenstadt leben, ist alles noch neu und ungewohnt. Aber die Weichen für ein erfolgreiches Auslandsjahr sind gestellt: Dachau gefällt ihnen gut, und das Team der Versöhnungskirche finden beide nett. Valeriia sagt mit einem Lächeln: "Ich bin froh, dass ich hier bin."

Vorgestellt werden die beiden jungen Frauen am Sonntag, 18. September, um 11 Uhr im Gottesdienst in der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte.