Dachau Erinnerung an die Qualen

Abba Naor, Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees (CID), vor dem Todesmarsch-Denkmal.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Abba Naor überlebte den Todesmarsch

Die Bronzeplastik von Hubertus von Pilgrim, die Häftlinge auf dem Todesmarsch zeigt, ist an diesem Samstag in das fahle Licht der Abenddämmerung getaucht, als Abba Naor vor das Mahnmal tritt. Seit den frühen Morgenstunden ist der 89-Jährige schon wach. Wie kann er den Besuchern, etwa zweihundert werden um 19 Uhr zur Theodor-Heuss-Straße in Dachau kommen, einen Eindruck von den Qualen der Evakuierungsmärsche vermitteln? Tausende von Häftlingen wurden noch wenige Tage vor der Befreiung von der SS in Richtung Alpen getrieben. In Regen und Schnee hatten sie auf dem Appellplatz des KZ übernachtet.

Abba, ein 17-jähriger, halb verhungerter, frierender und verlauster Junge aus dem litauischen Kaunas, marschiert zum Lager hinaus; durch Wälder, über schmale Straßen, durch Ortschaften führt der Todesmarsch nach Bad Tölz. Am Ende der Kolonne ausgemergelter, erschöpfter Männer sind immer wieder Schüsse zu hören. Die SS erschießt jeden, der nicht mehr die Kraft hat weiterzugehen. Tausende sterben. Abba hat nichts zu essen, er rupft Gras aus dem Boden und kaut die süßen, saftigen Wurzeln. Dann, an einem Waldrand bei Waakirchen der Morgen der Befreiung. Die Häftlinge erwachen unter einer Decke aus Schnee. Zwei Stunden später sind amerikanische Soldaten da. Der 17-Jährige hat überlebt: das Ghetto Kaunas, das KZ Stutthof, Dachau und zwei seiner Außenlager.

Abba Naor, Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees (CID), und davor schon Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) sprechen auch über das Todesmarsch-Denkmal als ein Beispiel für den schwierigen Umgang mit der NS-Vergangenheit und dem Massenmord an den europäischen Juden. In Gauting wurde das Mahnmal bereits 1989 aufgestellt, wie Hartmann sagt. In Dachauer dauerte es bis 2001, in anderen Orten entlang der Strecke des Todesmarsches sogar bis 2009. Hartmann sagt: Man dürfe sich nicht damit zufrieden geben, zwei- oder dreimal im Jahr an den zentralen Gedenktagen Kundgebungen abzuhalten. "Wir sehen uns aktuell weltweit mit einem neuen Erstarken des Rechtspopulismus konfrontiert. . . Rassismus und Antisemitismus sind wieder auf dem Vormarsch."