Dachau Ein drängendes Gegenwartsproblem

Das Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte beschäftigt sich dieses Jahr mit rechtsextremer Gewalt. Und greift damit in Zeiten von NSU-Terror und Fremdenfeindlichkeit ein aktuelles Thema auf

Von Johannes Korsche, Dachau

Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund sind in Dachau ein aktuelles Problem. Das weiß der linke Dachauer Jugendtreff "Freiraum" nur zu genau. Immer wieder ist er Ziel rechter Einschüchterungen. Im Dezember 2013 lag im Briefkasten des Jugendtreffs ein Tierorgan, vermutlich ein Schweineherz. Beschriftet war der Umschlag mit einer Botschaft: "Letzte Warnung". Erst im vergangenen August war die Fassade erneut mit "Hakenkreuzen und rechtsgerichteten Parolen" beschmiert, teilte die Polizei damals mit.

Wie Gesellschaft, Justiz und Politik mit Rechtsextremismus umgehen und wie sich rechte Gewalt in Deutschland seit den Achtzigerjahren entwickelt hat, thematisiert das Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte "Rechte Gewalt in Deutschland". Das Dachauer Symposium, seit 2000 eine jährliche Veranstaltung, findet an diesem Freitag und Samstag, 9. und 10. Oktober, im Max-Mannheimer-Studienzentrum statt. Zehn Vorträge, eine abschließende Podiumsdiskussion und die Vorführung eines Spielfilms über die Verdrängung des Rechtsterrorismus in den Achtzigern stehen auf dem Programm. Besonders im Fokus steht allerdings der Terror des "Nationalsozialistischen Untergrundes" (NSU) und dessen Aufklärung. Die Veranstalter sehen im Rechtsradikalismus ein "drängendes Gegenwartsproblem".

Und die Statistiken der Polizei geben ihnen Recht. Insgesamt zählt das Landeskriminalamt im Landkreis während des laufenden Jahres zehn Straftaten mit rechtsradikalem Hintergrund, im gesamten Jahr 2014 waren es elf. Deutschlandweit stieg die Zahl "rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten mit fremdenfeindlichem Hintergrund" laut Verfassungsschutzbericht im vergangenen Jahr auf 512 Fälle an, ein trauriger Höchstwert. Im selben Jahr trägt die sogenannte Pegida-Bewegung islamfeindliche Vorurteile bis weit in die bürgerliche Gesellschaft und in Ost-Deutschland gelten manche Regionen als No-Go-Areas für Migranten.

Die aus Röhrmoos stammende Sybille Steinbacher leitet das Symposium. Sie ist Professorin für vergleichende Diktatur-, Gewalt- und Genozidforschung an der Universität in Wien und untersucht den Rechtsextremismus in Deutschland in all seinen Ausprägungen. Insgesamt elf Referenten aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen hat sie für das Symposium eingeladen.

Unter anderem den Politikwissenschaftler Hajo Funke, der zu Beginn in die "Staatsaffäre NSU" einführt, den SZ-Redakteur Tanjev Schultz, der ebenfalls am Freitag in seinem Vortrag auf das Verhältnis zwischen Rechtsextremismus und Journalismus eingeht. Der Samstag beginnt mit einem Vortrag der Gewalt- und Konfliktforscherin Claudia Luzar, die die Struktur rechter Gewalt und die "Neonazi-Hochburg Dortmund" beleuchtet. Kurt Möller, Professor an der Hochschule Esslingen, zeigt mit Pädagogik und Jugendarbeit Wege aus der rechten Szene auf. Abschließend moderiert Steinbacher eine Podiumsdiskussion mit Ulrich Chaussy, Norbert Frei, Hajo Funke, Katharina König und Kurt Möller. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion besuchen die Teilnehmer des Symposiums die Ausstellung des Dachauer Künstlers Bruno Schachtner "Dachau in uns. . ." in der KVD-Galerie. Die Ausstellung zeigt Original-Druckgrafiken und Plakate aus den Siebzigerjahren.

Wie aktuell das Thema des Symposiums in Dachau ist, zeigen nicht nur die Schmierereien am Freiraum. Auch die KZ-Gedenkstätte hat Probleme mit rechten Straftaten. Andrea Riedle, stellvertretende Leiterin, berichtet von Hitlergruß-Fotos vor dem Gedenkstein des Krematoriums und von Tannenzapfen, die in Hakenkreuzform auf dem ehemaligen SS-Schießplatz in Hebertshausen ausgelegt wurden. "Zerstörung und Schmierereien gibt es immer wieder." Solche Fälle leite sie sofort an die Polizei weiter.