Dachau Brauner Terror des Untergrunds

Dachauer Symposium beschäftigt sich mit rechtsextremer Gewalt

Auf dem rechten Auge blind zu sein, ist ein häufiger Vorwurf an Politiker und Polizisten, und er hat sich vor vier Jahren auf schreckliche Weise bestätigt. Damals wurden die Morde der Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund, kurz NSU, bekannt. Niemand hatte fremdenfeindliche Motive angenommen, obwohl innerhalb von sechs Jahren neun Staatsbürger griechischer und türkischer Herkunft brutal ermordet worden waren. Im Gegenteil, die Ermittler hatten die Opfer sogar diffamiert, indem sie ihnen Verbindungen zu Banden oder mafiösen Organisationen unterstellt hatten. Alle Opfer waren unschuldig. Sie wurden nur deshalb vom NSU ermordet, weil sie nicht aus Deutschland stammten.

Auch heute kommt es vor, dass Polizisten nach Anschlägen auf Asylbewerberunterkünfte lapidar mitteilen: "Es wird untersucht, ob fremdenfeindliche Motive vorliegen." Noch immer kann man sich fragen, ob gegen rechtsextreme Gewalttäter konsequent genug vorgegangen wird, ob ihre Taten als politisch motiviert erkannt werden. Während im Osten Deutschlands gewaltsam gegen Flüchtlingsunterkünfte demonstriert wird, gab es mittlerweile in ganz Deutschland Anschläge auf Asylbewerberheime. Rechte Gesinnung ist verbreitet, nach der sogenannten Leipziger Mitte-Studie vom April teilen mehr als 30 Prozent der Bayern fremdenfeindliche Aussagen. Eine Studie der Ebert-Stiftung vom November hat ergeben, dass die Verbreitung von rechtsextremem Gedankengut abnimmt, sie sich aber gerade in der Mitte der Gesellschaft verfestigt.

Das kommende Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte am 9. und 10. Oktober beschäftigt sich mit dem Thema "Rechte Gewalt in Deutschland". Vom Oktoberfestattentat 1981 bis hin zu NSU-Morden soll geklärt werden, wie sich rechtsextreme Gewalt in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit bemerkbar gemacht hat und wie mit ihr umgegangen wurde. Den Einstieg liefern am Freitag, 9. Oktober, zwei Beiträge zum Thema NSU. Der Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke wird über die gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen der "Staatsaffäre NSU" sprechen. Danach berichtet die Linken-Landtagsabgeordnete Katharina König aus Erfurt von ihren Erfahrungen mit dem NSU-Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag. Der Hamburger Publizist Dirk Laabs wird über die Verstrickungen von Geheimdienst und rechter Szene sprechen.

Unter dem Titel "Soundtrack des Terrors" spricht BR-Redakteur Thies Marsen über die musikalische Ausprägung der Szene und SZ-Redakteur Tanjev Schultz - Gerichtsreporter aus den NSU-Prozessen - berichtet über die Rolle der Medien im Umgang mit Rechtsextremismus. Juliane Lang vom Berliner Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus wird über die weibliche Rolle in der Szene sprechen. Zum Ausklang des Abends lesen die Dachauer Theaterregisseurin Karen Breece und Schauspieler Sebastian Mirow aus den Protokollen der NSU-Prozesse und es wird der BR-Spielfilm "Der blinde Fleck" über das Oktoberfestattentat gezeigt. Der Film basiert auf dem Buch des Journalisten Ulrich Chaussy vom Bayerischen Rundfunk. Auch er wird zum Symposium kommen und sich am Samstag, 10. Oktober, an einer Podiumsdiskussion zusammen mit Historiker Norbert Frei, Erziehungswissenschaftler Kurt Möller, Politikern Katharina König und Hajo Funke beteiligen.

Außerdem spricht am Samstag die Gewaltforscherin Claudia Luzar über die Organisation der rechten Szene und die Situation der Opfer am Beispiel Dortmund. Ulrich Chaussy wird über die Verdrängung des rechten Terrors im Deutschland der Achtzigerjahre sprechen, Kurt Möller, Professor aus Esslingen und Experte für Jugendarbeit wird aufzeigen, mit welchen pädagogischen Mitteln Jugendliche aus der rechten Ecke geholt werden können.

Eine Ausstellung von Druckgrafiken und Plakaten aus vier Jahrzehnten von Bruno Schachtner in der KVD-Galerie in der Kulturschranne soll das Symposium abrunden. Geleitet wird es von der Historikerin Sybille Steinbacher. Veranstalter und Organisator sind die Stadt Dachau und das Max-Mannheimer-Studienzentrum.

Programm und Anmeldung unter www.dachauer-symposium.de.