Dachau Bereitschaft, sich zu opfern

Maurycy Przyrowski erzählt die Geschichte des Soldaten Piotr Wodnik und spielt Zither.

(Foto: Jørgensen)

Die neuen Biografien des Dachauer Gedächtnisbuches

Von Tobias Roeske, Dachau

Dass ehemalige Häftlinge selbst oder deren Angehörige zur Präsentation des Dachauer Gedächtnisbuches nach Dachau reisen, hat sich zur Tradition entwickelt. "Doch dieses Jahr ist das erste, an dem keine Überlebenden mehr teilnehmen", sagte Klaus Schultz, Diakon der Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau mit großem Bedauern. An diesem Abend übernahmen die Vorstellung der Biografien Schüler aus dem Gymnasium Grafing, erstmals auch Teilnehmer des gleichen Projekts in den Niederlanden und ein polnischer Freiwilliger von Aktion Sühnezeichen.

"Um eines bitte ich: Ihr, die Ihr die Zeit überlebt: Vergesst nichts! Vergesst nicht das Gute und nicht das Schlechte. Sammelt geduldig die Zeugnisse über diejenigen, die nur für sich starben." Mit diesem Zitat von Julius Fukic begrüßte Klaus Schultz seine Gäste. Zum 83. Jahrestag der Errichtung des Konzentrationslagers Dachau präsentierte der Trägerkreis des Gedächtnisbuches, die Versöhnungskirche und das Dachau Forum für katholische Erwachsenenbildung, die aktuellen Forschungsergebnisse im Kloster Karmel.

Beim Gedächtnisbuch handelt es sich um eine stetig wachsende Sammlung aus Biografien ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau. Diese werden seit 1999 von ehrenamtlichen Projektteilnehmern nach eigenen Recherchen verfasst und jeweils am Jahrestag vorgestellt. Seit 2008 können sich auch Gymnasien an dem Projekt beteiligen. Dazu erarbeiten die Schüler der Oberstufen eine individuelle biografische Seminararbeit und erstellen ein Gedächtnisblatt. Seit 2010 hat das Projekt einen Kooperationspartner in den Niederlanden gefunden. Auch dort verfassten Schüler Gedächtnisblätter über ehemalige niederländische Häftlinge, welche bis zum 25. Oktober vergangenen Jahres im Amsterdamer Widerstandsmuseum ausgestellt wurden.

Die Niederländerin Anneke Nolet eröffnete die Lesung der Gedächtnisblätter. Sie beschäftigte sich mit der niederländischen Widerstandskämpferin Truus Gelsing, die selbst in Zeiten größter Gefahr ihre Widerstandskollegen nicht verriet. Die Bereitschaft, sich selbst zu opfern, beeindruckte die Niederländerin und wurde so zum Schwerpunkt ihrer Ausführungen. Der aus Polen angereiste Schüler Maurycy Przyrowski erzählte die Geschichte des polnischen Soldaten Piotr Wodnik sowohl auf Deutsch, als auch für die angereisten Angehörigen in deren Muttersprache. Nach den Vorträgen erhielten die Gäste durch musikalische Beiträge Zeit zum Nachdenken und Durchatmen.

Welche Qualen KZ Häftlinge erleben mussten, skizzierte Selina Moosbauer, Schülerin am Gymnasium Grafing, durch die Leidensgeschichte des Münchner Lehrers Ferdinand Kissinger dar. Er war im KZ Dachau gefoltert und nach der Deportation nach Litauen, in dem sogenannten "neunten Fort" in Kaunas vom NS-Regime ermordet worden. In allen Vorträgen wurde deutlich, was für eine enge Bindung die Schüler zu den von ihnen erforschten Menschen entwickelten. Wahrscheinlich ist es nur so möglich, tatsächlich aus Nummern Namen zu schaffen, worauf das Gedächtnisbuch-Projekt abzielt. So sagte Selina Moosbauer: "Ich hätte Ferdinand Kissinger gerne persönlich kennen gelernt.

Im Anschluss an die Lesung wurden Blätter von den Autoren eigens signiert und in das bereits bestehende Verzeichnis des Gedächtnisbuches aufgenommen. "Es ist unser zentrales Anliegen, dass diese Namen nicht vergessen werden" stellte Diakon Klaus Schultz zum Ende hin klar und nahm noch kurzen Bezug zur gegenwärtigen Situation: "Die Gedächtnisblätter sind auch eine Verpflichtung, in die Gegenwart zu schauen, in der auch heute Menschen um ihr Leben fürchten müssen und aufgrund ihrer Herkunft oder Religion verfolgt werden."