Gedenkfeier in Auschwitz Beginn einer Freundschaft

Die Reise der Dachauer zur Gedenkfeier in Auschwitz ist zu mehr als einem diplomatischen Akt geworden.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Der letzte Abend beginnt mit einer Krisensitzung. Oświęcims Landrat Zbigniew Starcek lässt der Delegation aus Dachau ausrichten, man solle im vornehmen Krakauer Restaurant "Pod Baranem" doch schon einmal mit dem Essen beginnen. Bei ihnen werde es leider noch mindestens eine Stunde dauern: wichtige Entscheidungen zum Kreishaushalt. Tags zuvor waren es die Dachauer, die die Gastgeber hatten warten lassen. Die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zogen sich länger hin als erwartet. Die Polen harrten zwei Stunden lang mit leerem Magen aus. Ohne das leiseste Murren.

Es folgt ein Abend, an dem viel Wodka fließt, man zeigt sich die Fotos der Kinder, spricht sich beim Vornamen an, sucht nach den richtigen Vokabeln. Es wird viel gelacht. Fremdheit? Keine Spur. Am Schluss umarmt Zbigniew Starcek Landrat Löwl (CSU) und drückt ihn lange und fest. Es gibt Politiker, bei denen das nicht viel zu bedeuten hat, es gibt Händeschüttler und distanzlose Kumpeltypen, aber Starcek ist sonst ein eher zurückhaltender Mensch. An diesem Abend umarmt er die ganze Dachauer Delegation und strahlt.

Es ist auch Löwls Verdienst: Mit Witz und Charme trägt er viel dazu bei, das Eis zu brechen und die Stimmung aufzulockern. Nicht nur die Kreischefs verstehen sich prächtig, auch die Kreisräte und die Verwaltungsmitarbeiter. Freunde sind sie noch nicht, aber fast. Dabei hatte Löwl ursprünglich nicht viel mehr im Sinn gehabt als eine formale Kooperation im Zeichen des Gedenkens, einen politisch-diplomatischen Akt mit menschlicher Note.

Sein Gastgeschenk ist ein Acrylgemälde von Max Mannheimer: Der fast 95-Jährige hat das KZ Dachau überlebt und Auschwitz, wo die Nazis fast seine ganze Familie ermordet haben. Ein Mann wie ein Symbol. Mannheimer ist nicht nur Überlebender, er ist auch Menschenfreund und unermüdlicher Mahner. Löwl überreicht Starcek das "Vermächtnis" der KZ-Überlebenden, das auch Mannheimer unterzeichnet hat, ergänzt um eine Resolution des Kreistags: "Wir, die Vertreter des Landkreises Dachau, die an den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz teilgenommen haben, sind uns der Verantwortung bewusst, die uns der Appell der Überlebenden auferlegt und entschlossen, dieser generations- und länderübergreifend in unserem persönlichen Leben und öffentlichen Wirken nach Kräften gerecht zu werden." Die Dachauer wissen um ihre Verantwortung vor der Geschichte.

Landrat Löwl und seine Stellvertreterin Klaffki überreichen ihrem polnischen Kollegen Starcek ein Abschrift des "Vermächtnisses der Überlebenden".

(Foto: oh)

Aber wie geht es weiter? Über die Schule und den gemeinsamen Kunstaustausch, an dem der Landkreis auch beteiligt ist, gebe es bereits wechselseitige Beziehungen, sagt Löwl der SZ auf der Rückreise nach München. "Ich könnte mir weitere Bereiche vorstellen, gerade auch im Jugendaustausch, um den Kontakt jenseits des Schulischen noch zu intensivieren." Eine Gelegenheit könnte das im Juni stattfindende Jugendfestival von Oświęcim sein. "Ich habe mir überlegt, ob man neben dem Austausch in der bildnerischen Kunst auch musikalisch enger zusammenarbeiten könnte", dann könnten auch Künstler aus dem Landkreis dort auftreten. Von polnischer Seite soll der Vorschlag "mit großem Interesse aufgenommen" worden sein.

Nach seinem Besuch in Oświęcim hat Löwl Zbigniew Starcek und seine Kollegen zum Gegenbesuch eingeladen, natürlich: Im Mai findet der 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau statt. Der Landrat hat die Polen aber auch ermuntert, zum Indersdorfer Volksfest zu kommen, "um auch den Landkreis einmal außerhalb der Erinnerungsarbeit anzusehen". Überlegungen gebe es auch für einen Besuch beim Poetischen Herbst.

Fest steht nur, dass Starcez die nächste Künstlerdelegation aus Oświęcim begleiten wird. Sein Terminkalender ist ziemlich vollgepackt. Das hindert ihn nicht daran, seinerseits die Dachauer noch einmal einzuladen. "Dies wird dann allerdings zu einer anderen Zeit sein, sicher mit einer anderen Delegation und einem anderen Hintergrund", sagt Löwl. Die Details müssten erst noch im Kreistag angesprochen werden. Beim 71. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz werden die Dachauer wohl nicht dabei sein.