Brauchtum Psst, gleich kommt der Nikolaus!

Der kleine Leon und seine Freundin Vanessa (hinten links) haben Glück gehabt: Weil im goldenen Buch des Nikolaus steht, dass die beiden brav gewesen sind, bekommen sie von den beiden Engeln Vroni und Amelie (von rechts) einen prall gefüllten Sack mit Nüssen, Süßigkeiten und sogar einem Malbuch.

(Foto: Niels Jørgensen)

Seit 15 Jahren verwandelt sich Herbert Kaltner im Dezember vom Professor der Veterinärwissenschaften in den heiligen Nikolaus. Unterstützung bekommt er dabei nicht vom furchteinflößenden Krampus, sondern von den beiden Engel-Profis Vroni und Amelie

Von Jana Rick, Dachau

Die Verwandlung geschieht innerhalb weniger Sekunden: Herbert Kaltner legt seine schwarze Laptoptasche und sein Jackett im Pfarrheim St. Peter ab und schlüpft in das rote Bischofsgewand und in ein paar weiße Handschuhe. Als nächstes setzt er sich eine weiße Perücke auf den Kopf, bindet sich einen weißen Bart um und steckt sich die rote Bischofsmitra in die Haarpracht. Und schon wird aus dem LMU-Professor für Veterinärwissenschaften der heilige Nikolaus. Allein die eleganten Schuhe und die Ecken des hellblauen Hemdes, die aus dem Kostüm herausschauen, erinnern noch an den Dozenten.

Seit 15 Jahren besucht der 58-jährige Dachauer Familien in ihren Wohnzimmern, um deren Kinder zu beschenken. Mit ihm unterwegs sind wie jedes Jahr zwei Engel, die neunjährige Vroni und die dreizehnjährige Amelie. Die beiden Schwestern begleiten Kaltner schon zum vierten Mal, er nennt sie "richtige Engerl-Profis". Als Amelie bemerkt, dass sich eine Feder von ihren Flügeln gelöst hat, klebt sie diese kurzerhand mit einer Heißklebepistole wieder an die richtige Stelle. Herbert Kaltner sucht derweil noch seine Lesebrille, denn ohne die gehe "gar nichts", sagt er. Vroni merkt man an, dass sie hohen Respekt vor dem Mann mit dem bauschigen Bart hat. Trotz ihrer langjährigen Engerl-Erfahrung blickt sie nach seiner Verwandlung ein wenig schüchtern zu ihm hinauf. Doch lange hält die Skepsis nicht an. Vroni packt die Brille vom Nikolaus ein und putzt sie sogar noch schnell mit ihrem Kleid. Kaltner legt den Zettel "Bart von Herbert Kaltner" wieder auf den Tisch, so soll vermieden werden, dass die zwei Nikoläuse im Einsatz ihre Bärte vertauschen. Wobei Kaltner betont, dass der Bart eigentlich eine Erfindung sei, denn der wahre Nikolaus von Myra habe nie einen Bart gehabt.

Acht Besuche stehen heute auf dem Plan, dazu Adressen der Familien, Anzahl und Alter der Kinder. Die Liste wird von der Mutter der beiden Engerl bewacht, die als Fahrerin der Truppe im Einsatz ist und bei Verzögerungen die Eltern anruft. Kaltner weiß bereits aus Erfahrung, dass es im Auto eng wird, nimmt seinen Bischofshut ab und entscheidet sich doch für den kürzeren Bischofsstab. Im Straßenverkehr ist der Nikolaus nur noch für gute Augen am eingeklemmten roten Bischofsgewand in der Autotür zu erkennen. Die erste Station ist an der Würmstraße. An der Haustür der Familie Karkosch steht bereits eine große Tüte mit Geschenken, die Vroni und Amelie in den Nikolaussack packen. Zur gleichen Zeit warten oben im Wohnzimmer gespannt drei Familien mit fünf Erwachsenen und vier Kindern auf den Nikolaus.

"Hast du geguckt, ob der Krampus dabei ist?"

Die fünfjährige Vanessa und ihr gleichaltriger Freund Leon zappeln unruhig und mit erwartungsvollen Augen auf zwei kleinen Stühlchen. Ihre Eltern unterhalten sich freudig, doch Vanessa beschwert sich: "Psst, sonst kommt der Nikolaus nicht!". Leon fragt seinen Vater ein bisschen panisch: "Hast du geguckt, ob der Krampus dabei ist?" Er weiß nicht, dass Kaltner nie mit einem Krampus unterwegs ist, denn er möchte die Kinder nicht zu sehr tadeln, sondern Freude schenken. Ganz im Auftrag des heiligen Bischofs, der schließlich auch nur helfen wollte. Als Kaltner das Wohnzimmer betritt, werden die Augen von Vanessa und Leon groß. Der Nikolaus nimmt ihnen im Sessel gegenüber Platz und schlägt sein goldenes Buch auf. Er lobt Vanessa für den liebevollen Umgang mit ihrem kleinen Bruder und fürs tägliche Tischdecken. Doch dass sie oft mit ihrer Freundin streitet, gefällt dem Nikolaus gar nicht. "Und warst du auch immer brav?", fragt Kaltner nun an Leon gerichtet, dieser scheint fast in seinem Stuhl zu versinken. "Nicht so richtig", nuschelt er leise und blickt auf den Boden. Leon würde manchmal am Tisch rülpsen, so steht es im goldenen Buch. Das müsse natürlich bis zum nächsten Jahr aufhören. Dass Leon seiner Mutter gerne beim Putzen helfe, "das höre ich nicht oft", gibt Kaltner zu und der Junge lächelt stolz. "Dann wart ihr also wirklich überwiegend brav", sagt der Nikolaus und man kann die beiden Vorschulkinder fast laut aufatmen hören.

Zwei prall gefüllte Säckchen übergeben die Engel den Kindern, aus einem schaut die Ecke eines Malbuches heraus. Vanessa greift mit strahlenden Augen nach ihrem Säckchen und weiß sofort: "Da sind Nüsse drin, die spüre ich!" Doch bevor sie hineinschaut, kündigen die zwei Kleinen stolz an, dass sie etwas für den Nikolaus vorbereitet hätten. "Lasst uns froh und munter sein", singen Vanessa und Leon mit hellen Stimmen und klatschen dazu. Kaltner summt fröhlich mit. Dann schenken ihm die zwei sogar noch selbstgemalte Bilder. Der erste Besuch ist zu Ende, Kaltner erhebt sich aus seinem Sessel und verabschiedet sich von allen, es würden schließlich noch andere Kinder auf ihn warten, sagt er und er zieht die Haustür hinter sich zu. Erst auf der Treppe fällt dem Nikolaus auf, dass er sein goldenes Buch im Wohnzimmer vergessen hat. Also klingeln die Engerl noch mal schnell. "Gut, dass die Kinder noch nicht lesen können", lacht Kaltner und nimmt das heilige Buch wieder an sich.