Am 9. November 1938 brannten die Synagogen Der Beginn des Völkermords

Auf der Gedenkfeier zur Pogromnacht im Rathaus erinnern Berufsschüler an das Schicksal jüdischer Bürger, die aus Dachau vertrieben und später ermordet wurden. Der serbische Zeitzeuge Ivan Ivanji erzählt, wie er den Holocaust als junger Mann überlebt hat

Von Benjamin Emonts, Dachau

Die Biografien von sieben Dachauer Juden, die am Morgen vor der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 vertrieben wurden, enden allesamt gleich: Sie wurden später von den Nazis ermordet, sechs davon in Konzentrationslagern. Auf der alljährlichen Gedenkfeier zur Pogromnacht im Dachauer Rathaus erinnern Berufsschüler der Dachauer Nikolaus-Lehner-Schule nun an die Opfer. Mit nur wenigen, bewegenden Sätzen rekapitulieren sie das Leben und Schicksal der Dachauer Hans und Vera Neumeyer, Julius Kohn, Max und Melitta Wallach, Alice Jaffé und Samuel Gilde. Den Hauptredner der Gedenkfeier, den serbischen Holocaust-Überlebenden Ivan Ivanji, stimmen die kurzen Vorträge nachdenklich, wie er später verrät. "Ich habe mich gefragt, was wohl über mich gesagt worden wäre", sagt er. "Aber Sie sehen ja: Ich sitze immer noch vor Ihnen."

Ein exzellenter Erzähler, humorvoll und stets mit einer Spur Selbstironie

Der 88-jährige Ivanji war zeitweise Dolmetscher des jugoslawischen Staatschefs Tito. Er sitzt am Donnerstag nur deshalb im Foyer des Dachauer Rathauses, weil er als jüdischer Jugendlicher die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebte. Schon als junger Mann entwickelte Ivanji eine Leidenschaft für das Schreiben. Er wurde Journalist, Schriftsteller, Diplomat, Übersetzer. Außerdem ist der 88-Jährige ein exzellenter Erzähler, humorvoll und stets mit einer Spur Selbstironie. Unter seinen fast 90 aufmerksamen Zuhörern im Rathaus sind die KZ-Überlebenden Abba Naor und Ernst Grube, sein Sohn und Journalist Andrej, die Konsulin Orit Danon vom israelischen Generalkonsulat und der Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD).

Das Dachauer Jugendsinfonieorchester unter der Leitung von Gudrun Huber begleitete die Gedenkfeier zur Pogromnacht musikalisch.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Sie alle wollen nicht vergessen, was den jüdischen Bürgern in den Tagen zwischen dem 7. und 10. November 1938 in den sogenannten Novemberpogromen widerfahren ist. Mehr als 1400 Synagogen wurden damals in Deutschland, Österreich und der damaligen Tschechoslowakei niedergebrannt oder zerstört, mehr als 30 000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt, darunter fast 11 000 ins Konzentrationslager Dachau. Geschäfte wurden geplündert. Tausende Juden wurden misshandelt, verhaftet oder getötet. Die Novemberpogrome waren so etwas wie der offizielle Startschuss zum größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit, an dessen Ende sechs Millionen europäische Juden tot waren.

Namen der Vertriebenen auf Bronzetafel am Rathaus

Auch in Dachau, wo die Nazis im März 1933 das erste Konzentrationslager eröffnet hatten, suchten bereits in der Nacht auf den 9. November zwei SA-Männer 15 jüdische Frauen und Männer auf und zwangen sie, die Stadt "vor Sonnenaufgang" zu verlassen. Sechs von ihnen wurden später in Konzentrationslagern getötet. Anstatt der Vertriebenen und Ermordeten zu gedenken, schwieg man in Dachau lange Zeit über das Schicksal der jüdischen Nachbarn. Erst seit dem Jahr 1988, als sich die Pogromnacht zum 50. Mal jährte, gedenkt man ihrer offiziell. Eine Bronzetafel im Durchgang zwischen neuem und altem Rathaus trägt inzwischen die Namen der Vertriebenen. OB Hartmann legt auch dieses Jahr einen Kranz darunter nieder.

Berufschüler der Nikolaus-Lehner-Schule verlasen sogenannte Biogramme der ermordeten Dachauer Juden.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der serbische Schriftsteller Ivan Ivanji war gerade neun Jahre alt, als die Synagogen im Deutschen Reich brannten. Im Banat wuchs der kleine Bub mit den Sprachen Serbisch, Ungarisch und Deutsch wohl behütet auf. "Ich war naiv genug zu glauben, dass wir alle in einer Idylle lebten", erzählt er über seine Kindheit. Doch dann kamen 1941 die Nazis ins Land. Seine Eltern, ein jüdisches Ärztepaar, wurden verhaftet, der Vater später vermutlich als Geisel erschossen, die Mutter im Laderaum eines Transporters vergast. Von ihrem Schicksal erfuhr Ivanji erst lange nach dem Krieg. Der junge Mann lebte bei seinem Onkel und dessen deutscher Frau in Novi Sad. Ende April 1944 wird er dort als Jude verhaftet, obwohl er in seiner Taufurkunde als evangelisch ausgewiesen war. Am 27. Mai 1944 wird er nach Auschwitz deportiert.

"Mein schönes Leben in der Hölle"

Von dort kommt er weiter ins KZ Buchenwald und anschließend in das Außenkommando Magdeburg. Aus seinem Roman "Mein schönes Leben in der Hölle" liest Ivanji eine grausame Szene aus dieser Zeit vor. Er musste mit ansehen, wie der Wolfshund eines Lagerkommandanten einen Mithäftling regelrecht hinrichtete. Sein gesundheitlicher Zustand war damals immer schlechter geworden, sein Name stand auf einer Liste mit Häftlingen, die nach Auschwitz ins Gas transportiert werden sollten. Irgendjemand aber tauschte ihn gegen einen anderen Namen aus, Historiker bezeichneten den Vorgang später als "Opfertausch". Ivanji überlebte. Die jungen Leute, so sagt er jetzt, sollen die Erinnerung an den Massenmord der Juden freiwillig und ohne Zwang bewahren. Die Schüler der Dachauer Berufsschule haben das mit ihren Kurzvorträgen soeben verwirklicht.