Comicbuch "Trabanten" Ohne jede Chance

Den Achtzigerjahre-Schmerz in eine Geschichte gepackt: Comiczeichner Frank Schmolke entwirft in "Trabanten" ein düsteres Szenario und beschreibt ein Milieu weit unterhalb der Münchner Schickeria. Man ahnt schon früh, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann.

Von Sabine Buchwald

Die Achtziger waren das Jahrzehnt von Dallas, Kir Royal, Schwarzwaldklinik, von Boy George, Madonna und Nenas "99 Luftballons". Die New Wave rauschte über die Jugend, die ihre Haare mit viel Spray aufplusterte, die Schultern mit Polstern verstärkte und die Füße in Cowboystiefel steckte: Das hat flaumbärtige Jungs zu Männern gemacht, jedenfalls empfanden sie das so. "Furchtbar", sagt Frank Schmolke zu diesem Jahrzehnt. Er erinnert sich ungern an diese Zeit, aber er hat sie sich zurückgeholt, denn es sind die Jahre, in denen viel passierte mit ihm. Es sei ihm nicht gut gegangen damals, sagt er.

1967 in München geboren, anfangs in Oberföhring, dann in Schwabing aufgewachsen, war Schmolke mittendrin in der Selbstfindung, abhängig von Eltern, die ihn nicht verstanden, in Gesellschaft von Leuten, die er nicht verstehen wollte - weil er sich anders fühlte als sie. Aber ihm fehlten die Worte, sie loszuwerden und sich anderen Freunden anzuschließen. Noch.

Solche Phasen des Erwachsenwerdens vergehen nicht, ohne Kerben zu hinterlassen auf einer Menschenseele. Wer singen kann, dichtet Lieder, wer schreiben kann, Bücher, und wer malen kann, packt sie in Bilder. Bestenfalls. Dem Comiczeichner Frank Schmolke ist es gelungen, seinen Achtzigerjahre-Schmerz und seine Erinnerung an die pickelige Pubertät in einer Geschichte zu erzählen. In "Trabanten" (Edition Moderne) entwirft Schmolke ein düsteres Szenario und beschreibt ein Milieu weit unterhalb der Münchner Schickeria. Es soll weh tun beim Lesen, sagt er.

Franz Huber wird aus dem Gefängnis entlassen. Mit zwei Bekannten von früher feiert er seine Freiheit auf einer Baustelle und schwört ihnen und sich: "Ab heute mache ich alles richtig." Seine Worte hängen noch in der Luft, als er schon Fehler begeht. Ein Kasten Bier, ein Joint, die Stimmung heizt sich auf - einer der Freunde stürzt von einem Balken 18 Stockwerke in die Tiefe. Ein Unfall.

Sturz aus dem 18. Stockwerk: Mit seinen Comicfiguren geht Zeichner Frank Schmolke nicht zimperlich um.

Das Entsetzen der beiden anderen ist so groß wie die Angst vor der Polizei. Sie fliehen. Franz versucht einen Alltag aufzubauen jenseits der Knastmauern, beginnt bei seiner alten Malerfirma, trifft eine junge Frau. Die Zuneigung zu ihr wird überlagert von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen. Er kann den Tod des Bekannten nicht verdrängen. Als ihm dessen Bruder immer wieder auflauert, lassen ihn dessen Gewalt und seine Angst verzweifeln. Der Leser wünscht sich einen Ausweg für Franz Huber und ahnt: Er hat keine Chance.

Der Verlauf der Geschichte, das Ambiente der Großstadt, die Entwicklung der handelnden Personen, die Sozialkritik und nicht zuletzt die in Grau und Schwarz-Weiß gezeichneten Panels erinnern an den Film noir. Das ist kein Zufall. Frank Schmolke hat ein Faible für alte Filme und einsame Helden wie James Dean, Marlon Brando, Lino Ventura. Comiczeichner arbeiten ähnlich wie Regisseure, sie inszenieren Bilder.

Wie Franz Huber verdient auch Schmolke sein Geld in jungen Jahren auf Baustellen. Nach einer glücklosen Schulzeit macht er eine Malerlehre und schließt zwei Gesellenjahre an. Das Zeichnen wird sein Ausgleich vom Alltag, im Urlaub füllt er Skizzenbücher. In unbeobachteten Momenten wird Schmolke während der Arbeit auf Wänden kreativ, so wie Franz Huber, der sich im Buch für Jackson Pollock begeistert. "In manchen Wohnungen im Arabellapark müssen noch Gemälde von mir sein unter den Farbschichten", sagt Schmolke.

Wie seine Hauptfigur verdient auch Franz Schmolke sein Geld in jungen Jahren auf Baustellen. Seit 2006 arbeitet er freiberuflich als Comickünstler.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Er reagiert zunehmend allergisch auf Lösungsmittel, macht den Taxiführerschein, bildet sich weiter zum Technischen Zeichner. In den Neunzigerjahren gründet er die Münchner Comicmagazine Tentakel und Comicaze mit und verlegt im Eigenverlag kleine Bücher. Seit 2006 arbeitet Schmolke freiberuflich als Illustrator und Comickünstler, illustriert Kinderbücher ("Sternenschweif"), macht Karikaturen für den Springer-Verlag, Comic-Anthologien und ist an Filmen beteiligt wie Bully Herbigs "Lissi und der wilde Kaiser". Und er gibt Zeichenunterricht in einer Mittelschule, ohne Druck, ohne Noten.

Von München hat er sich inzwischen räumlich verabschiedet und wohnt mit seiner Frau und zwei Töchtern im Landkreis Dachau. Sein Atelier ist in einem historischen Haus mit dicken Mauern und niedrigen Decken in Markt Indersdorf. Ein breiter Computer-Bildschirm, ein Leuchttisch und viele Stifte stehen dort auf einer langen Arbeitsplatte. In Regalen liegen Kunstbücher, auf dem Boden Gemälde von ihm, die Anfang des Sommers mit Originalzeichnungen von "Trabanten" in einer Ausstellung in der Münchner "Färberei" zu sehen waren.

Die Hässlichkeit der Hochhaussiedlung seiner Kindheit hat Schmolke hinter sich gelassen. Blonde, kurze Haare, Bartstoppeln ums Kinn, markante schwarze Brille, sportlicher Körperbau, so sieht Frank Schmolke heute aus. Ein Foto auf seiner Internetseite zeigt ihn mit Vokuhila-Haarschnitt. Schmolke grinst. Furchtbare Achtzigerjahre. In seinem Buch trifft er die Ästhetik dieser Zeit ziemlich genau, ohne zu karikieren. Menschenstudien sind eine Stärke Schmolkes, was auch in der Elvis-Presley-Biografie von Reinhard Kleist und Titus Ackermann deutlich wird, für die er ein Kapitel beigesteuert hat.

In nur zwei Tagen hat Schmolke schon 2004 mit Bleistift das Storyboard für sein Buch konzipiert. Sein Freund und Kollege Uli Oesterle merkt an: Das habe man viel zu schnell durch. Schmolke findet das gerade richtig. Die Charaktere sind Gespenster der Jugend. Eines von ihnen, der korpulente Bruder des abgestürzten Robert, verfolgt Schmolke mit Briefen aus dem Knast. Er lebt nicht mehr.

"Ich hätte mich sonst nicht getraut, das Buch zu veröffentlichen", sagt Schmolke. Er selbst kennt Gefängnisse nicht von innen, aber Gewaltausbrüche anderer, und er wäre einmal fast vom Gerüst gefallen wie Franz in der Geschichte. Schmolke mischt Erfahrungen, die er selbst erlebt hat, mit Fiktion. So hält er es auch in seinem nächsten Buch. Es wird eine Taxifahrerstory.