Carsharing in München Massenprodukt statt Öko-Nische

In einer eigenen Werkstatt lässt Stattauto seine Fahrzeuge warten und reparieren. Der Betrieb versucht, Benachteiligten eine zweite Chance zu bieten.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Carsharing-Angebote in München haben immer mehr Kunden - vor allem die kommerziellen Anbieter haben sich flexibel aufgestellt.
  • Der älteste Münchner Verleiher Stattauto will die Hürden abbauen, die es bislang vor dem Mieten eines Autos gab und mehr Kunden gewinnen.
  • Die Stadt unterstützt die Verleih-Angebote. Experten zweifeln allerdings daran, dass der Boom des Carsharing noch lange anhält.
Von Marco Völklein

Natürlich, sagt Petra-Maria Klier, werde es die wöchentlichen Informationsabende weiterhin geben. Allerdings werden sie nicht mehr obligatorisch sein für all die Kunden, die neu bei Stattauto mitmachen wollen. Das sei Vergangenheit, sagt die Chefin des ältesten Münchner Carsharing-Anbieters. Wer einsteigen möchte bei Stattauto, kann einfach vorbeikommen in der Zentrale an der Aidenbachstraße. Oder kurz reinschauen in die Kundenzentren der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Dort den Antrag ausfüllen, Führerschein vorlegen. Fertig.

Stattauto will raus aus der Öko-Nische und "weitere Nischen besetzen", wie Geschäftsführerin Klier es formuliert. Bislang sind es meist Umweltbewegte, die sich für Stattauto entscheiden. Die bewusst auf ein eigenes Auto verzichten, weil sie meist besser mit Rad, Bus und Bahn vorankommen. Und das Auto nur in Ausnahmesituationen benötigen - etwa für die Fahrt in den Urlaub oder den Einkauf am Wochenende. Nun aber will sich Stattauto "breiter aufstellen", wie Klier sagt. Neue Tarife sollen neue Zielgruppen ansprechen: Senioren zum Beispiel sollen drei Monate lang das Angebot testen können, ohne dass sie 500 Euro Kaution hinterlegen und 50 Euro Aufnahmegebühr entrichten müssen. Auch für Schüler, Studenten und Azubis entfallen seit Kurzem die Kaution und die monatliche Grundgebühr.

Die Hürden sollen aus dem Weg geräumt werden

Die Strategie ist klar: Die Hürden sollen weg, die bislang vielen die Teilnahme am Carsharing verleidet hatten. Dazu gehörte die etwas komplizierte Anmeldung. Vor allem aber hatten hohe Vorab-Ausgaben wie Kaution und Aufnahmegebühr abgeschreckt. Irgendwann hatte Klier dann erkannt: "Wenn wir unser Portfolio nicht erweitern, funktioniert es nicht mehr."

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Jahrelang kam das Unternehmen in seiner Nische gut klar. Bekennende Autovermeider hatten sich vor mehr als 20 Jahren zusammengetan und eine Carsharing-Gemeinschaft gegründet. Parallel dazu wurde eine Werkstatt aufgebaut, in der meist junge Menschen eine zweite Chance erhalten sollten, etwa indem sie zu Automechanikern ausgebildet werden. Das Geld aus der Autovermietung floss in die Ausbildung Benachteiligter. Jahr für Jahr wuchs die Zahl der Teilnehmer.

Dann aber traten neue Anbieter auf den Markt. Die nannten sich Car2go, Drive Now, Flinkster und Citeecar - und sie alle boten und bieten eine andere Form des Carsharings. Infoabend am Mittwoch? Gibt es nicht. 500 Euro Starteinlage? Kein Thema. Abgerechnet wird nicht nach Kilometern, sondern nach einem Minutentarif. Wichtigster Unterschied aber ist: Die Autos der Anbieter, hinter denen Großkonzerne wie Daimler und BMW stehen, muss man nicht wie bei Stattauto an festen Stationen anmieten und wieder abgeben. Vielmehr parken die Autos am Straßenrand, die Kunden orten sie per Smartphone, öffnen die Tür mit einer Chipkarte - und können sofort losfahren. Und am Ende der Fahrt können sie das Auto (zumindest bei Car2go und Drive Now) in einem anderen Viertel wieder am Straßenrand abstellen. Dafür zahlen die Firmen jedes Jahr hohe Lizenzgebühren an die Stadt. "Freefloating" nennt sich dieses Modell, im Gegensatz zum stationsgebundenen Carsharing von Stattauto.