Buch über Graffiti in München Seltsame Heilige und Höllenfahrten

Mal karikieren sie lokale Traditionen, mal streuen sie politische Botschaften, mal dekorieren sie Trafohäuschen: In den achtziger Jahren war München eine Graffiti-Hochburg Europas. Nun zeigt ein Buch die Entwicklung der Münchner Graffiti und Street Art.

Von Christian Mayer

Kunst ist nicht immer für die Ewigkeit gemacht. Besonders gilt das für die wohl kurzlebigste Kunstform der Gegenwart, das Graffito, das sich im öffentlichen Raum behaupten muss. Street Art existiert nur so lange an der Wand, bis der nächste mit der Sprühdose kommt oder aber das Reinigungsunternehmen, um den Schadensfall wieder dezent zu übertünchen.

Kunst des Sprayens

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Doch einige Graffiti haben es längst ins Museum geschafft; Street Art ist inzwischen auch ein kanonisierter Teilbereich der bildenden Künste. Allein die Literatur über Banksy, dessen Schablonen-Graffiti weltberühmt sind, füllt Regale. In München ist nun ein Anfang gemacht: Das neue Buch "Street Art München" gibt einen guten Überblick über die Vielfalt der legal, halblegal und illegal entstandenen Werke in der Stadt.

Herausgeberin Reinhild Freitag und Verlagsgründer Martin Arz haben ihre Funde fast alle selbst fotografiert und somit vor der Vergänglichkeit bewahrt. München sei, schreiben die Autoren, zwar nicht die Metropole der Street-Art-Bewegung, da denke man eher an Städte wie New York, London oder Berlin. München habe aber früh eine wichtige Rolle gespielt: Bereits in den Achtzigern befand sich "die größte europäische Hall of Fame der Graffiti-Künstler auf dem Flohmarktgelände in der Dachauer Straße".

Pioniere wie Ray, Loomit, Steve, Mitch II oder Butler fanden talentierte Nachahmer. Inzwischen ist eine rasante Ausweitung der Graffiti-Zone zu beobachten, auf dem Partyareal hinter dem Ostbahnhof, im Schlachthofviertel und an den Isarbrücken überbieten sich die Sprüher - oft mit Wohlwollen der Eigentümer. Eine besondere Rolle spielen die Stadtwerke, für die Loomit seit 2006 eine Reihe von Trafohäusern in Schauobjekte verwandelt hat: mit nackten Badenden, riesigen Fröschen oder seltsamen Heiligen. Manchmal stellen sich die Künstler auch in den Dienst der Werbung.

Doch nicht alles, was in München ins Auge sticht, ist der Rede wert; manches wirkt wie die hundertste Kopie des hastig hingesprayten Gruselmonsters, das in sämtlichen Weltstädten die Zähne fletscht. Gekrakel, auch das gibt es. Originelle Kompositionen, die auf einen eigenen Stil, eine persönliche Handschrift hindeuten, sind nicht ganz so häufig, aber es gibt sie. Zum Beispiel die eleganten Frauenfiguren aus der Hotterstraße, die wohl von einem Künstler namens Xoooox stammen - wer zu lange hinsieht, dem fliegen die Buchstaben um die Ohren.

Auf abschreckende Weise anziehend wirkt die junge Schöne, die mit dem Maschinengewehr in der Hand auf Klischeejagd geht: "fight sexism" lautet der Slogan dazu in der Schyrenstraße in Untergiesing. Der Künstler mit dem Pseudonym Sucht hinterlässt poetische Schablonenbilder von verliebten Paaren oder Tänzern. Nicht fehlen dürfen in dieser Galerie der Monaco Franze, Sisi, Franz Josef Strauß, Rainer Werner Fassbinder.

Wer es knalliger, grober, härter mag, sollte sich die Graffiti aus der Kultfabrik oder an der Brudermühlstraße ansehen. Monster statt Mädchen, Albträume statt Illusionen: Man fragt man sich, ob die Urheber dieser Höllenfahrten zu viele schlechte Filme gesehen haben oder eine schwierige Kindheit hatten. Manche Leute wollen wohl unbedingt mit Kopf und Dose durch die Wand.

Reinhild Freitag: Street Art München, Stencils, Graffiti, Sticker, 2012, Hirschkäfer Verlag.

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