Bagida Gereizte Stimmung

"Neonazis? Gibt es hier nicht." Das behauptet manch einer der Demonstranten beim Aufmarsch am Montag.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die ersten Aufmärsche galten in München als große Neonazi-Aufzüge. Zur Demonstration am Montag kamen noch 110 Anhänger. Der Star der islamfeindlichen Szene, Michael Stürzenberger, und Bagida-Frontfrau Birgit Weißmann reden nicht mehr viel miteinander, sondern lieber übereinander - und zoffen sich

Von Bernd Kastner

Die Stimmung ist gereizt bis aggressiv. Nach außen sowieso, und jetzt auch nach innen. Es ist der elfte Montag nach Bagida-Zeitrechnung, der elfte "Spaziergang" des Münchner Ablegers der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". "Bunt, aber blöd", steht auf einem Plakat, das ein Mann am Stiel hochhält. Was er damit meint? "Hat jemand Goethe interviewt", fragt der Mann zurück, "was er sagen wollte?" Keine Fragen bitte, soll das heißen.

Montagabend, kurz vor sieben, vor dem Volkstheater am Stiglmaierplatz wehen Deutschland-Fahnen, ein paar Neonazis sind auch da. Der Mann mit Stiel fragt erneut zurück: "Welche Neonazis? Welche Rechtsextremen?" Dafür war Bagida bundesweit bekannt geworden, nirgends war zu Beginn der Bewegung der Anteil der äußerst Rechten so hoch, die ersten Bagida-Märsche gelten als größte Neonazi-Aufzüge seit Jahren in München. Wochen später sind sie immer noch da. "Ich gebe gerne zu, dass ich ein Neonazi bin", wird am Ende einer sagen. Und die Bagida-Führer zoffen sich - wegen der Neonazis.

"Wir sind das Volk!" "Lügenpresse!" 110 Bagida-Anhänger sind laut Polizei gekommen, im Januar waren es noch 1500. Ein Mann schwenkt eine Fahne, er sagt, es sei die von Posen, der polnischen Stadt. Gerne würde er über die deutschen Grenzen reden, aber das sei ja ein "Tabuthema". Er schwenkt und sagt: Wenn Deutschland schon "für die ganze Welt zahlt", dann dürfe es auch "Gegenforderungen stellen". Er schwenkt weiter, den ganzen Abend.

"Der Uwe" versucht eine Rede zu halten, bemüht sich, einen langen Text vom Blatt vorzulesen. "Michael! Michael!", skandieren einige aus dem "Volk". Michael Stürzenberger, Star der islamfeindlichen Szene, Bundesvorsitzender der Minipartei "Die Freiheit", ist aber noch nicht dran. Wochenlang war er auf Pegida-Tournee durch Deutschland ("Ich wurde eingeladen") und jetzt, zurück auf Heimaterde, will ihn das Volk hören. Aber er darf nicht.

Die Rednerliste führt Bagida-Frontfrau Birgit Weißmann. Die ist streng, will aber die Stürzenberger-Groupies besänftigen: "Er ist zum Schluss das Bonbon." Die Fans aber wollen ihn gleich, und er kann es auch nicht erwarten. Das gibt Stress. Weißmann ruft ins Mikro: "Jetzt soll Ruhe sein." Aber Stürzenberger will reden, und bald hört man Weißmann aus den Lautsprechern sagen: "Der Finger wird nicht mehr gezeigt." Stürzenberger lässt gern seinen ausgestreckten Zeigefinger sprechen, jetzt aber muss sogar der Finger schweigen. Der Star schmollt.

Herr Stürzenberger? "Ich habe heute keine Lust, etwas zu sagen." Sagt's und marschiert los, nicht an der Spitze, sondern in der Menge, als "einfacher Bürger". Links ist eine Frau untergehakt, rechts hält er die Hand einer anderen, die Anti-Islam-Agitation verbindet Generationen. Frau Weißmann aber ist der Mann zu dominant. Nazi-Gegner machen von Weißmann beim Marsch zum Justizpalast und zurück ein Foto, das sie mit einem anderen Mann zeigt, einem extrem Rechten. Sie lacht auf dem Foto. Das gibt noch mehr Ärger.

Wieder zurück vorm Volkstheater sagt Weißmann: "Traumhafter Spaziergang." Dann: Pause. "So, jetzt muss ich erst mal meinen Zeitplan rausholen." Dann darf "die Marion" sprechen, Ex-DDR-Bürgerin, die Grüße vom Pegida-Gründer Lutz Bachmann aus Dresden überbringt: "Er ist stolz auf euch!" Dann sagt Frau Weißmann: "Jetzt haben wir noch ein Bonbon und das ist der Michael Stürzenberger." Jubel.

Endlich darf das "Bonbon" reden. Schlagartig ist Stürzenbergers schlechte Stimmung weg, er wird eins mit dem Mikro und der Menge, bloß dass die nicht mehr groß ist: 91 Personen, zählt die Polizei jetzt, die den ganzen Abend über mit 450 Beamten im Einsatz ist. "Wir haben ein Rückgrat aus Stahl!", ruft Stürzenberger. Kein Satz ohne Ausrufezeichen. "Wir lassen uns nicht mehr länger betrügen von diesen korrupten Politikern!" Das Bagida-"Bonbon" beschwört den Widerstandsgeist, er stellt sich und die Seinen in eine Reihe mit Graf Stauffenberg, der Weißen Rose und den Montagsdemos in der DDR. Die Gegendemonstranten - die Polizei hat 150 gezählt - bezeichnet er als "Linksfaschisten", wie überhaupt der Nationalsozialismus feste Bezugsgrößen im Weltbild Stürzenbergers ist.

21 Uhr, Feierabend. Der "einfache Bürger" holt sich einen Kuss von der Frau an seiner Seite ab. Frau Weißmann und Herr Stürzenberger aber reden gerade nicht mehr so viel miteinander, lieber übereinander.

Dienstag. "Er will mich diffamieren", sagt Weißmann jetzt. In Reihen der Münchner Patrioten kursiere ein böses Schreiben Stürzenbergers, Weißmann ist sauer. Sie ist formal Anmelderin der Bagida-Märsche, im Hintergrund aber wirkte schon immer Stürzenberger. "Er hat gemeint, er könnte das unter meinem Deckmantel machen", sagt Weißmann. Sie dagegen scheint nach Emanzipation zu streben, und sei es nur, die Rednerliste zu bestimmen. Stürzenberger sagt, dass Weißmann ja nichts für ihre Fehler könne: "Sie ist in gewisser Weise politisch naiv. Das kann man ihr nicht vorwerfen." Aber sie dürfe halt nicht Seit' an Seit' und lachend mit ganz Rechten marschieren. "Sie weiß es einfach nicht. Da braucht sie dringend Beratung, und die biete ich ihr an."

Mit dabei war am Montagabend auch ein Mann aus Rosenheim, nicht mehr ganz jung, aber umso aktiver. Zum elften Mal ist er angereist, berichtet er. Er war immer vorne dabei, am Montag eine Fahne in schwarz-rot-gold schwenkend. Am Freitag nahm er an den Kundgebungen der Neonazi-Partei "Die Rechte" teil, 15 in Serie, vor ein paar Wochen hat er mit Philipp Hasselbach vor dem Justizgebäude gegen den NSU-Prozess protestiert. Er spricht gern mit der "Lügenpresse" und sagt, er sei ein "Neonazi". Tatsächlich? "Ich bin zu 100 Prozent stolz darauf." Er überreicht eine Visitenkarte, darauf steht, dass er Taxifahrer von Beruf sei. Klar, er chauffiere auch Ausländer, er trenne ja strikt zwischen Taxi und Bagida. Dann empört er sich, weil ihm ein Linker unterstellt habe, er würde den Holocaust leugnen. Holocaust? "Da red' ich gar nicht drüber", sagt er. "Da will ich weder nein noch ja sagen, ob es so war."

Wie hat die Anführerin Birgit Weißmann zum Start des Spaziergangs gesagt: "Pegida wird immer noch von vielen falsch verstanden."