Erinnerung an Attentat von 1972 Gedenk-Gezänk im Olympiadorf

Ein Terrorist zeigt sich am 5. September 1972 auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers.

(Foto: dpa)
  • Im Olympiadorf soll eine Gedenkstätte für die Opfer des Olympia-Attentats von 1972 entstehen. Zwei Standorte haben die Bwohner schon abgelehnt.
  • Nun hat Kultusminister Speanle (CSU) einen dritten Standort vorgeschlagen - den sogenannten Lindenhain.
  • Ob der Streit entgültig beigelegt ist, ist offen. Mit seinem Vorschlag missachtete der Minister einen Beschluss der Einwohnerversammlung, in der jegliche weitere Bebauung im Park abgelehnt worden war.
Von Nicole Graner und Kassian Stroh

Es ist wieder ein Hügel, den Kultusminister Ludwig Spaenle als neuen Standort für die geplante Stätte des Gedenkens an die Opfer des Olympia-Attentats von 1972 vorgeschlagen hat. Nach Connolly- und Studentenhügel könnte nun der sogenannte Lindenhain westlich der Tennisanlagen der Zentralen Hochschulsportanlage zum Ort des Gedenkens werden.

Vorausgesetzt: Die drei Interessengruppen des Olympiadorfes, die sich erbittert gegen die beiden ersten Standorte gewehrt haben, können sich auf den dritten Vorschlag des Ministers einigen. Diesen hatte er einer Reihe von Anwohnervertretern am Freitagnachmittag gemacht - und ihnen versprochen, nicht nur die beiden bisherigen Varianten zu verwerfen, sondern generell den Gedenkort weiter weg vom Olympiadorf zu planen.

"Das ist unser Schlittenberg"

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Weitere Kritik an Spaenles Lindenhain-Vorschlag

"Wir sind erst einmal sehr erleichtert, dass die Gedenkstätte nicht direkt vor unsere Haustür gepflanzt wird", sagt die Vorsitzende des Vereins der Studenten im Olympiazentrum, Janine del Grande. Die Studenten hatten vor allem wegen des "starken Eingriffs in die Privatsphäre der Anwohner" gegen den Standort am Studentenhügel nördlich des Kolehmainenwegs gekämpft. Ihre Sorge: Besucher könnten von dort quasi direkt in ihre Appartements blicken. Dieser Standort war aber erst ins Gespräch gekommen, als sich die Olympiadorf-Bewohner vehement gegen den sogenannten Connollyhügel ausgesprochen hatten, der wiederum Basis war für den bereits entschiedenen Architektenwettbewerb, den Spaenle ausgeschrieben hatte. Die Anwohner hatten vor allem den Freizeitwert des Areals betont, nicht zuletzt als Schlittenhügel im Winter.

Dass Spaenle nun erneut auf ihre Bedenken eingeht und einen Standort streicht, nennt er selbst "keinen kleinen Schritt" und der örtliche Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer (CSU) einen "sachgerechten Kompromiss". Doch ob er das Gefallen der Anwohner findet, ist offen. Nach wie vor fordert die Einwohner-Interessen-Gemeinschaft Olympisches Dorf (EIG), der Olympiapark dürfe nicht weiter verbaut werden.

Dass Spaenle nun alle Standorte in den Grünflächen nördlich des Kolehmainenweges und östlich des Kusocinskidammes ausschließe, sei zwar "ein gemeinsamer Erfolg der Einwohnerschaft". Zugleich missachte der Minister aber weiter einen Beschluss der Einwohnerversammlung vor zwei Wochen, in der jegliche weitere Bebauung im Park abgelehnt worden war. "Unsere Erwartungen haben sich damit nicht ganz erfüllt", sagt die EIG-Vorsitzende Manuela Feese-Zolotnitski.

Allerdings räumt sie ein, dass es mittlerweile auch unterschiedliche Ansichten innerhalb der EIG gebe. Die einen hielten an besagtem Beschluss fest und kritisierten, dass Spaenle nicht über "Ort und Grundkonzept" reden wolle, wenn er im März die Anwohner zu einem Workshop über planerische und gestalterische Fragen der Gedenkstätte lade. Das seien, heißt es in einer Presseerklärung der EIG, "sehr ungünstige Startvoraussetzungen, bei denen auch ein Scheitern nicht ausgeschlossen werden kann". Die EIG-Vorsitzende, die an dem Gespräch am Freitag teilnahm, wiederum sagt, sie könne sich mit Spaenles Konzept und Standort anfreunden.

Die Gedenkstätte soll nicht nur an die elf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft erinnern, die im September 1972 von palästinensischen Terroristen ermordet wurden. Sie soll auch das damalige Geschehen in einen größeren zeitgeschichtlichen Kontext und die Entwicklung des internationalen Terrorismus bis heute einordnen. Vor allem die Angehörigen der Opfer fordern einen solchen Ort seit vielen Jahren.

Am Busbahnhof ist ein würdiges Gedenken nicht möglich

Während manche Olympiadörfler in den vergangenen Wochen gefordert hatten, überhaupt keine Gedenkstätte zu errichten, hatten andere für den alten Busbahnhof als Standort plädiert - um weitere Eingriffe in den Park und auch einen dort vorgesehenen Hotel-Neubau zu verhindern. Das aber lehnt Spaenle rigoros ab. Am Busbahnhof könne er sich zwar einen "Informationsort" vorstellen, sagt er, also eine Tafel oder einen kleinen Pavillon, der über die Standorte der diversen Gedenkmöglichkeiten informiere. Ein würdiges Gedenken selbst sei dort aber nicht möglich.

Symbolischer Einschnitt

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Dafür halte er an der "Sichtachsen-Konzeption" fest, also der Idee, dass von der Gedenkstätte aus sowohl der Tatort Connollystraße 31 wie auch die Sportstätten und das Mahnmal nördlich des Stadions zu sehen sind. Am Connollyhügel sollte das, so die Idee der Sieger des Architektenwettbewerbs, Brückner+Brückner, in Form eines durchgeschnittenen Hügels passieren, in dessen Inneren ein nach allen Seiten offener Raum entstünde. In modifizierter Form ginge das auch am Lindenhain, versichert Spaenle. Die Tirschenreuther Architekten seien bereit, ihre Idee entsprechend weiterzuentwickeln.

Mit dem Lindenhain hat Spaenle einen Standort gewählt, den die Dorfbewohner im Herbst selbst vorgeschlagen hatten. Das macht es dem Minister nun argumentativ einfacher, garantiert aber keine Lösung im Konsens angesichts des massiven Widerstands, der Spaenle bei der Anwohnerversammlung vor zwei Wochen entgegenschlug. Damals hatte er bereits von irritierten Nachfragen ob der Standort-Streitereien berichtet, etwa vom israelischen Außenministerium. Auch jetzt macht Spaenle deutlich, dass dieses Projekt, das der Freistaat unter anderem mit der Unterstützung von Stadt und Bund vorantreibt, "keine beliebige kommunalpolitische Angelegenheit" sei. Ob der Lindenhain als Standort infrage kommt, will er nun unter anderem mit dem Denkmalschutz klären.