Abgesagter Christopher Street Day in Kiew "Für die Teilnehmer wäre es brenzlig geworden"

Homosexuelle Ukrainer haben zum ersten Mal einen Christopher Street Day organisiert. Auch Münchens Grünen-Fraktionschefin Lydia Dietrich reiste an. Doch die Veranstaltung wurde gestoppt. Warum die Polizei nicht schützend eingriff und die Situation so gefährlich wurde.

Interview: Silke Lode

Zum ersten Christopher Street Day (CSD) in der Ukraine am Sonntag hat der Münchner Stadtrat eine kleine Delegation in seine Partnerstadt Kiew geschickt. Grünen-Fraktionschefin Lydia Dietrich berichtet von einer Veranstaltung, die nicht stattgefunden hat.

SZ: Warum haben die Organisatoren den Demozug abgesagt?

Lydia Dietrich: Das war sehr kurzfristig. Der Ort der Parade war aus Sicherheitsgründen geheim, ich habe ihn erst eine Stunde vorher erfahren. Auf dem Weg dorthin kam die Absage: Zu viele Gegendemonstranten. Wir sind trotzdem hingefahren. Vor Ort war viel Polizei - die hat es sich gemütlich gemacht.

SZ: Hatten Sie den Eindruck, die Polizei würde den CSD beschützen?

Dietrich: Nein. Die saßen in ihren Bussen, nichts war abgeriegelt, es gab keine Sicherheitsvorkehrungen. Auf Rat der Organisatoren sind wir bald weitergefahren. Sie haben befürchtet, dass die Gegendemonstranten gleich anmarschiert kommen.

SZ: Wie weit sind Sie gekommen?

Dietrich: 100 Meter weiter sind auf der einen Straßenseite Hunderte Rechtsradikale und Neonazis aufmarschiert, auf der anderen Seite Orthodoxe mit Kreuzen und Gewändern - fast wie bei einer Prozession. Auch Verbände von nationalistischen Kosaken waren da. Das nahm kein Ende. Es war richtig, dass die Parade abgesagt wurde. Sonst wären die Teilnehmer in eine ganz brenzlige Situation gekommen.

SZ: Wäre das eine bunte Parade geworden wie die CSD-Züge in Deutschland?

Dietrich: Nein, die Strecke war auf 500 Meter begrenzt, am Ende hätten Busse die Teilnehmer sofort abtransportiert. In anderen osteuropäischen Städten hat man die Erfahrung gemacht, dass zwar die Parade, nicht aber ihr Ende geschützt wird.

SZ: In wenigen Wochen beginnt in der Ukraine die Fußball-EM. Kann die Polizei keine Menschenmengen beschützen?

Dietrich: Wenn man sich fragt, warum es nicht funktioniert, einen CSD mit 100 Teilnehmern zu schützen, bleibt fast nur eine Antwort: Weil die Polizei nicht wollte.

SZ: Der Stadtrat hatte schon im Vorfeld Ausschreitungen befürchtet. Hat die Solidaritätsnote nach Kiew überhaupt etwas bewirkt?

Dietrich: Für die Organisatoren unbedingt. Sie waren erleichtert und dankbar für die Unterstützung und haben das auch immer wieder betont. Die schwulen und lesbischen Aktivisten in der Ukraine kämpfen wirklich um ihre Menschenrechte.

SZ: Müssen die Vorfälle Konsequenzen für die Städtepartnerschaft haben?

Dietrich: Ich will jetzt eher darüber diskutieren, wie wir die Partnerschaft zur Unterstützung der schwul-lesbischen Community nutzen können.