21. Dezember 2012 11:26 Gentrifizierung am Gärtnerplatz in München Alles muss raus

Von Jakob Wetzel

Eine Immobilienfirma kauft ein renovierungsbedürftiges Mietshaus am Gärtnerplatz, ein Jahr später sind fast alle Bewohner ausgezogen, obwohl sie rechtlich zehn Jahre hätten bleiben dürfen. Sie fühlen sich vertrieben. Eine typische Geschichte vom Münchner Immobilienmarkt.

Am Ende ging es ganz schnell. 60 Jahre lang hat Betty Nagler in der Corneliusstraße 20 gelebt. Für die anderen Mieter war die 90-Jährige die "gute Seele" des Hauses, für die Nachbarskinder wie eine Großmutter. Eine enge Gemeinschaft sei im Haus über Jahrzehnte gewachsen, erzählen ehemalige Mieter. Doch im vergangenen Jahr wurde alles anders: Das Haus wechselte den Eigentümer, der neue Besitzer will die Wohnungen sanieren und als Eigentumswohnungen verkaufen.

Es dauerte kein Jahr, da war Betty Nagler aus ihrer Wohnung verschwunden, und nicht nur sie: Das Anwesen ist inzwischen fast vollständig mieterfrei. Sie habe nicht gehen wollen, sagt Betty Nagler heute. 2011 war ihr Mann gestorben, sie wollte nach dem Ehemann nicht auch noch ihre Heimat verlieren.

Sie hätte wohl auch nicht gehen müssen, ihre Wohnung war über mindestens zehn Jahre hinweg unkündbar. Doch Betty Nagler pochte nicht auf ihr Recht. Sie fürchtete Ärger. Auch ihr Sohn redete auf sie ein, sie solle nachgeben. Also akzeptierte sie eine Abfindung und ging freiwillig. "Ich hätte das sonst vielleicht nicht überstanden", sagt sie, ihre Stimme zittert. Der neue Besitzer sei zwar freundlich gewesen, aber bestimmt. "Er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass ich raus muss."

Was in der Corneliusstraße 20 am Gärtnerplatz geschehen ist, ist ein Paradebeispiel für den sozialen Wandel, der viele Stadtviertel Münchens erfasst hat: Wissenschaftler haben dafür den Begriff "Gentrifizierung" geprägt, Immobilienfirmen sprechen von "Aufwertung" und "Revitalisierung", die alten Bewohner von Entmietung oder Vertreibung.

Im Gärtnerplatzviertel gilt der Prozess als nahezu abgeschlossen. Meist verläuft er still und wenig spektakulär. Das Muster ist stets ähnlich, und hier zeigt es sich beispielhaft: Ein in die Jahre gekommener Altbau wird saniert, die Wohnungen werden renoviert und als Eigentumswohnungen verkauft. Alteingesessene Mieter wie Betty Nagler machen Platz für neue, kaufkräftige Bewohner.

"Prime-living" am Gärtnerplatz

Das Anwesen in der Corneliusstraße 20 ist etwas mehr als hundert Jahre alt, Vorder- und Rückgebäude, 21 Wohnungen, zwei Läden. Einige Mieter wohnten hier seit Jahrzehnten, die Mieten stiegen kaum, dafür wurden notwendige Renovierungsarbeiten aufgeschoben. Seit den 20er Jahren befand sich das Gebäude im gemeinschaftlichen Besitz einer heute verstreut lebenden Großfamilie, doch in den vergangenen Jahren wurde den Erben der Aufwand zu groß.

Daher verkauften sie das Anwesen 2011 an die Isartal Grundbesitz GmbH & Co. KG - und aus dem Mietshaus wurde das "Objekt Cornelius 20". Die Mieter gingen, das Vordergebäude wird bis ins kommende Jahr renoviert, zusätzlich der Speicher ausgebaut. Auf Handzetteln und im Internet wirbt der neue Eigentümer mit "prime-living" am Gärtnerplatz.

Die Isartal Grundbesitz GmbH & Co. KG ist eine von mehreren GmbHs mit unterschiedlichen Namen, aber jeweils identischen Adressen, Geschäftsführern und Prokuristen. Die Beteiligten sind nicht unbekannt, der Prokurist der Isartal Grundbesitz GmbH & Co. KG etwa wandelte vor Jahren ein Anwesen am Roecklplatz in Wohneigentum um.

Die Unternehmen haben ihren Anteil am Gentrifizierungsprozess in München, doch sie scheuen die Öffentlichkeit, wollen weder die Namen der Firmen noch der Geschäftsführer in der Zeitung lesen. Eine dieser Firmen ist die Dr. Grosdidier Immobilien GmbH & Co. KG; sie wirbt mit langjähriger Erfahrung unter anderem darin, Mieter einvernehmlich zum Auszug zu bewegen und ihre Wohnungen an solvente Käufer zu vermitteln. Über die Geschwindigkeit allerdings, mit der dies in der Corneliusstraße 20 gelang, ist selbst der alte Eigentümer erstaunt.

Der Sprecher der Erbengemeinschaft ist ein Geschäftsmann aus Augsburg. Er habe sich beim Verkauf bemüht, zum Wohle der Mieter abzuwägen, sagt er. Deswegen habe er nicht an den Meistbietenden verkauft und sich vergewissert, dass die bestehenden Mietverträge unter den gesetzlichen Bestandsschutz fallen: In München darf ein Mietvertrag frühestens nach zehn Jahren gekündigt werden, wenn eine Mietwohnung wie in der Corneliusstraße 20 in eine Eigentumswohnung umgewandelt und verkauft wird.

Frühere Mieter wie Hüsnü Demircan fühlen sich unsanft vor die Tür gesetzt.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Bis dahin hätte da keiner unfreiwillig raus müssen", sagt der Geschäftsmann. Deshalb musste der neue Eigentümer die Mieter vom Auszug überzeugen. Glaubt man der Isartal Grundbesitz GmbH & Co. KG, gelang dies einvernehmlich, fast schon harmonisch. Der Renovierungsbedarf im Anwesen sei erheblich und den Mietern bewusst gewesen, heißt es da. Im persönlichen Gespräch habe man die nötigen Bauarbeiten erläutert und den Mietern die Wahl gelassen: bleiben oder gegen eine Abfindung ausziehen. Fast alle seien daraufhin freiwillig umgezogen.

Einige der ehemaligen Mieter hingegen fühlen sich trotz Abfindung vor die Tür gesetzt - so wie Hüsnü Demircan, Vater von vier Kindern. 34 Jahre lang hat er in der Corneliusstraße 20 gewohnt, vor eineinhalb Jahren erst habe er mehrere zehntausend Euro in die Renovierung seiner Wohnung gesteckt.

Er habe bleiben wollen und habe sich auch bereit erklärt, nach der Sanierung mehr Miete zu bezahlen. Doch bald erhielt er Anrufe und Briefe, unterschrieben von Anwälten. Die Post zeigte Wirkung: "Der Vermieter hat so viel Geld, leistet sich jede Menge Anwälte, natürlich macht einem das Angst", sagt Demircan. Und dann begannen die Bauarbeiten. Demircan leidet an einer Stauballergie, konnte an manchen Tagen das Haus kaum betreten. Also ging er.

Der liebevoll gepflegte Garten im Innenhof? Eingeebnet

Ähnliches berichten Margot und Ranvir Kapoor, Eltern von zwei schulpflichtigen Kindern. Ranvir Kapoor lebte 40 Jahre in der Corneliusstraße 20; auch er hielt seine Wohnung selbst in Schuss. Er hatte einen Laden im Erdgeschoss als Geschäftsraum gemietet, dort aber seit 1986 nur noch gewohnt. Den alten Vermieter hatte das nie gestört, doch im Zuge des Eigentümerwechsels erhielt Kapoor von der Hausverwaltung die Kündigung.

Er glaubte zunächst an einen Irrtum und rief die Verwaltung an, doch dort erfuhr er nur, ihr sei ebenfalls gekündigt worden, weitere Auskünfte dürfe sie nicht geben. Die Familie hätte die Sache vor Gericht ausfechten müssen. Dazu aber, sagt Ranvir Kapoor, hätten sie keine Kraft gehabt. Seine Frau war damals krank, er selbst ist 72. Sie begannen, eine neue Wohnung zu suchen.

Doch die Suche dauerte lange - länger, als es sich beide Seiten wünschten. Der Vermieter sei zunächst sehr nett gewesen, sagt Margot Kapoor. Er habe sogar bei der Suche geholfen und eine Ersatzwohnung in der Messestadt Ost angeboten, allerdings habe der Prokurist des Vermieters dort selbst festgestellt, dass sie zu klein war, sagt sie. Die Kapoors baten auch die Stadt um Hilfe bei der Wohnungssuche, ohne Erfolg.

Inzwischen hatten die Bauarbeiten begonnen, ein Gerüst wurde errichtet, ein jahrzehntelang von Ranvir Kapoor liebevoll gepflegter Garten im Innenhof eingeebnet. Er habe einem Kran Platz machen sollen, so Margot Kapoor. Später, bereits nach dem geforderten Auszugstermin, habe sie der Vermieter in sein Büro geladen. Die Kapoors dachten, er habe vielleicht eine neue Wohnung für sie. Vor Ort aber hätten sie nur einen Aufhebungsvertrag unterschreiben sollen. Sie weigerten sich.

Wütend über die Art und Weise seines Auszugs ist auch Christian Malter. Er hatte 15 Jahre lang ein Antiquitätengeschäft in der Corneliusstraße 20 betrieben. Als er die Kündigung bekam, dachte er gar nicht an Widerspruch, er fand rasch einen neuen Laden in der Reichenbachstraße. Sein altes Geschäft vermietete er bis zum Kündigungstermin unter, behielt aber eine Abstellkammer und ein Kellerabteil für sich.

Doch als er sie räumen wollte, sei die Kammer zugemauert gewesen und das Abteil bereits leer, sagt Malter. Nun vermisse er unter anderem einen Teil seiner Steuerunterlagen. Gegen den Vermieter klagt er auf Mietminderung und Ersatz des Kellerinhalts. "Wenn der Vermieter die Räume früher gebraucht hätte, hätte man darüber reden können."

Der Vermieter weist die Vorwürfe zurück. Die Mieter seien sämtlich freiwillig gegangen, niemandem sei Angst eingejagt worden. Der Familie Kapoor habe man nicht nur bei der Wohnungssuche geholfen, sondern auch freiwillig eine nennenswerte Abfindung gezahlt, teilt der Vermieter mit. Und aus dem Kellergeschoss habe man lediglich Unrat sowie herrenlose Gegenstände entfernen lassen: Betroffen seien "die Flure und erkennbar seit Jahrzehnten ungenutzte Abteile" gewesen.

Man habe damit der Verkehrssicherungspflicht nachkommen und die Fluchtwege freilegen wollen. Die Mieter seien über die Entrümpelung informiert worden - was Christian Malter bestreitet, ebenso Hüsnü Demircan, der seine Fahrräder vermisst, die er nach eigenen Angaben im Flur abgestellt hatte.

"Savoir-vivre mit Business vereinen"

Die alte Hausgemeinschaft lebt heute verstreut über ganz München. Hüsnü Demircan wohnt in Ramersdorf, er renovierte auch seine neue Wohnung selbst, dennoch bezahlt er dort mehr als das Doppelte an Miete. Margot und Ranvir Kapoor haben eine Wohnung im Obersendlinger Gewerbegebiet gefunden, sie vermissen ihr altes Viertel - nicht die Wohnung, aber die Menschen. Ihre beiden Kinder besuchen weiterhin Schulen in Haidhausen und in der Altstadt.

Betty Nagler lebt heute in einer Einrichtung für Betreutes Wohnen in Neuhausen, in der Nähe ihres Sohnes. Hin und wieder bekommt sie Besuch von ehemaligen Nachbarskindern, aber Nagler ist unglücklich. Zuletzt zog sie alleine los und besuchte ihre alte Heimat am Gärtnerplatz. Im "Objekt Cornelius 20" sind die meisten Wohnungen inzwischen verkauft. Die neuen Bewohner freuen sich darauf, im "heimlichen Herz" Münchens "Savoir-vivre mit Business zu vereinen", abseits der Touristenströme und mit beinahe mediterranem Flair, so das Exposé der Anlage.

Die Isartal Grundbesitz GmbH & Co. KG hat von derselben Erbengemeinschaft auch ein Anwesen in der Preysingstraße 33 bis 35 übernommen. Die Mieter sagen, der neue Besitzer habe bereits Abfindungen angeboten.