50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens Angekommen

Ganz großer Bahnhof: München feiert den 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Es gibt schöne Grüße von der Kanzlerin und Obst in Plastiktüten.

Von Bernd Kastner

Es gibt nur Positives an diesem Nachmittag. Der Zug hat elf Minuten Verspätung, aber was ist das schon für die Deutsche Bahn. Außerdem kommt er bis aus Istanbul, und keiner der Passagiere muss einen Anschluss erreichen. Das Ziel ist erreicht. Fünf Tage war der Zug unterwegs, fuhr über Bulgarien, Serbien, Kroatien, Österreich. Und jetzt zieht ihn eine nostalgische Lok, die früher vor die Intercitys gespannt war, in den Hauptbahnhof. Dort warten an Gleis 12 der Bahnchef, der Innenminister und der Oberbürgermeister - und viele Kameras. Man feiert den 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens.

Aus der Heimat in die Heimat: Geduldig warteten am Sonntag Hunderte an Gleis 12 des Münchner Hauptbahnhofs, um den "Kulturzug" aus Istanbul zu begrüßen.

(Foto: REUTERS)

Es entsteigen dem Zug viele vornehm gekleidete Herrschaften. Unter ihnen Männer wie Muhtat Mihmat im grauen Anzug. Er strahlt. "Prima, prima, sehr gut." So war die Fahrt, es war eine Reise auf alten Gleisen, nicht mehr in die Fremde, wie damals, sondern aus der einen Heimat in die andere Heimat. 1964 machte er nur kurz Station in München, er reiste weiter nach Frankfurt, wo er am Flughafen Arbeit fand. Er blieb, gründete eine Familie.

Ein Sohn, erzählt er, ist Englischlehrer, einer Mediziner, die Tochter unterrichtet Mathematik. Und er, der Papa, 71 Jahre alt, Rentner, runder Bauch, er lacht. Gastarbeiter war er einst, jetzt trägt er ein Schild um den Hals, das ihn als Zugpassagier ausweist. "Participant" ist er, wie auch Nedim Sekerli. Er hat eine deutsche Frau geheiratet, besitzt ein Haus in Hamburg und trägt eine Krawatte in den Deutschlandfarben. Ins deutsche Rot ist der türkische Halbmond gemalt.

Alle Migranten, die mit dem Zug kamen, landeten in München, Gleis 11 hat einen legendären Ruf, aber nie war der Bahnhof so groß wie am Sonntag. Das türkische Fernsehen TRT, auf dessen Initiative der "Kulturzug" startete, sendet, und auch der BR. Die Migranten von einst kriegen eine kleine Plastiktüte überreicht, Birne, Banane, Apfel sind drin, das bekamen sie auch damals zur Begrüßung. Heute aber gibt es hinterher noch viele warme Worte. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) lobt die Integrationsleistung, Oberbürgermeister und Türkei-Freund Christian Ude (SPD) tut es sowieso, und Bahnchef Rüdiger Grube schließt sich an: Ohne die Gastarbeiter hätte die Bahn in den siebziger Jahren nie diesen Aufschwung genommen.

Maria Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, richtet schöne Grüße von der Kanzlerin aus und den "Dank Deutschlands" an diejenigen, die geblieben sind. Böhmer lobt sich und den Bundestag, weil der vor kurzem ein Gesetz verabschiedet hat, das die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse regelt. Fünf Jahrzehnte hat Almanya dafür gebraucht, und es ist trotzdem eine frohe Botschaft an diesem Tag.

Es spielt türkische Musik auf der Bühne in der Querhalle, türkische Flaggen wehen in der Menge der Schaulustigen, und ein Mann fängt vorne, vor den Honoratioren, an zu tanzen. Ein zweiter erhebt sich, ein dritter. Es ist diese spontane Einlage der drei reifen Männer, die diesen Tag so besonders macht. Angekommen. So möchte man ihren Tanz nennen.