Drei Jahre nach Gaddafi Was für die Implosion Libyens spricht

Kinder sitzen am dritten Jahrestag des Revolutionsbeginns in Bengazi auf einem Panzer und schwenken libysche Flaggen.

(Foto: REUTERS)

Ein geknechtetes Volk ohne viel Aufwand befreien? Das wollte der Westen vor drei Jahren in Libyen. Doch nach dem Sturz Gaddafis geriet das Land schnell in Vergessenheit. Die Folgen: Wieder Chaos, wieder Gewalt, wieder Hass auf den Westen. Gewinner sind die bärtigen Militanten.

Ein Kommentar von Sonja Zekri

Manche Libyer beschreiben den Status ihres Landes als "dritte Stufe". Sie meinen den Übergang zur Demokratie, aber man denkt an Weltraumtechnik. Die Astronauten sind an Bord, die Triebwerke gezündet, und jetzt dröhnt, raucht und wackelt es. Ob die Rakete abheben oder explodieren wird, weiß kein Mensch.

Für das Explodieren, oder genauer: Implodieren, spricht in Libyen manches, nicht nur das florierende Entführungsbusiness. Nach der Verschleppung jordanischer und tunesischer Diplomaten verlassen Botschafter das Land. Fluglinien, etwa die Lufthansa, haben ihren Service nach Tripolis eingestellt. Der Premierminister, gerade im Amt, hat nach einem Angriff auf seine Familie seinen Rücktritt erklärt. Die monatelange politische Lähmung dauert weiter an.

Für den Westen war Libyen vor drei Jahren ein Land, in dem man mit überschaubarem Aufwand ein geknechtetes Volk befreien helfen konnte, um es dann genauso schnell wieder abzuhaken. Wieder Chaos nach dem Tyrannensturz. Wieder Gewalt, Hass auf den Westen, Flüchtlingselend, Proliferation. Der Syrien-Krieg noch immer nicht beendet. Ägypten auf dem Weg zurück. Wen kümmert da Misrata?

Die Lage ist noch gut - gemessen an dem, was kommen könnte

Deutschland hilft, den Schutz der Botschaften zu verbessern - ein lobenswertes, aber überschaubares Ziel. Das Desinteresse hat seinen Preis. Libyens Parlament, vor zwei Jahren begeistert gewählt, ist grotesk überbezahlt, dysfunktional und inzwischen mehr Hindernis als Meilenstein auf dem Weg zur Stabilität. Es hätte längst abtreten sollen, nachdem es nicht mal eine Verfassung zustande gebracht hat.

Inzwischen weiß man, dass es ein historischer Fehler der Übergangsregierung war, den Anti-Gaddafi-Kämpfern Gehälter zu zahlen: Die Zahl der Milizen hat sich vervielfacht. Politische Gruppen wie die Islamisten oder die Nationalisten, aber auch die Cliquen im Übergangsparlament oder die rivalisierende Regierung, selbst Stadtviertel, Stämme, Clans - sie alle verlassen sich lieber auf die Miliz ihrer Wahl als auf Gesetze oder Verhandlungen.

Die Gewinner der Situation sind naturgemäß die Radikalen. Im vernachlässigten Osten des Landes haben Separatisten Öl- und Gasterminals besetzt und die Wirtschaft eines der reichsten Länder der Region fast in die Knie gezwungen. In Bengasi, der einstigen Wiege des Aufstandes gegen Gaddafi, terrorisieren Islamisten, Anhänger des alten Regimes und Kriminelle eine ganze Stadt.

Friedlicher Protest ist noch immer möglich, wenn auch riskant

Die bärtigen Militanten beherrschen nicht nur Dernaa, ihre alte Brutstätte, sondern auch Sirte, ausgerechnet Sirte, das Gaddafi Flughafen, panafrikanisches Kongresszentrum und anderen Glitzerkram verdankt und ihm treu ergeben ist. Ausgerechnet hier, an der Universität, praktizieren die Ultrareligiösen nun die Geschlechtertrennung: Männer vorn im Hörsaal, Frauen hinten. Es ist ein altes Gesetz, auch Gaddafi hatte islamistische Züge entwickelt, aber angewendet wird es erst jetzt.

Aber Libyen könnte, trotz allem, immer noch abheben. Die wenigsten wollen eine Teilung des Landes. Gemessen an der Zahl der Waffen ist das Gewaltniveau eher niedrig. Der Streit ums Öl wird gerade beigelegt, die Häfen werden geräumt. Die Muslimbrüder sind einflussreich und machtgierig, aber verschreckt durch den Zusammenbruch ihrer Mutterorganisation in Ägypten.

In Tunesien hat dies die Kompromissbereitschaft der Islamisten gefördert, auch in Libyen könnte man den Moment nutzen. Und: Die Gewalt geht von wenigen aus. Noch immer ist der friedliche Protest ein effektives, wenn auch riskantes Mittel, um eine Wandlung zu erzwingen.

Ein explodierendes Libyen hätte nicht die Zersetzungskraft Syriens, lautet ein gängiges Argument. Noch ist Libyen in ziemlich gutem Zustand - gemessen an dem, was kommen könnte.