Zum Tod von Frank Schirrmacher Mann der Zukunft

Frank Schirrmacher (1959 - 2014)

(Foto: dpa)

Er war bei der FAZ Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki und Joachim Fest, war Gesellschaftskritiker und dabei nie nur klassischer Kulturmensch. Nun ist Frank Schirrmacher im Alter von 54 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von Franziska Augstein, Andrian Kreye und Gustav Seibt

Als Joseph Brodsky starb, begann Frank Schirrmacher, der den großen russisch-amerikanischen Dichter persönlich gekannt hatte, seinen Nachruf mit dem Satz: "Wir protestieren gegen diesen Tod." Das war ein typischer Schirrmacher-Auftakt, rhetorisch bis zur Verwegenheit, unvergesslich wie ein Reklameslogan, spontan polarisierend, ein bisschen verrückt.

Gegen den Tod protestieren, vor allem gegen einen bestimmten Tod? Darüber wurde hinterher in der Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Frank Schirrmacher damals, im Januar 1996 als erst 36 Jahre alter Herausgeber leitete, bedenkenreich debattiert. Aber der Satz stand da, und er hat sich so eingeprägt, dass er jetzt beim Tod seines Urhebers abrufbar ist. Schirrmacher, der einen abgründigen, zuweilen diabolischen Sinn für Humor besaß, hätte gegen die Wiederverwendung nichts einzuwenden gehabt.

Der jugendliche Frank Schirrmacher in der späten Bundesrepublik - er war eine schier unglaubliche Erscheinung. Sein Studium der Literaturwissenschaften schloss er mit einer umstrittenen, von neuester amerikanischer und französischer Theorie getragenen Arbeit zu Franz Kafka ab, die seine Heidelberger Lehrer verstörte, die Siegfried Unseld aber sofort für die "Edition Suhrkamp" akquirierte. Als der ebenso glänzend wie dunkel geschriebene Band - wir Altersgenossen dachten an Walter Benjamins absichtsvolle Unverständlichkeit - erschien, hatte Schirrmacher die akademische Welt hinter sich gelassen und war als einer der jüngsten Redakteure in die Feuilletonredaktion der FAZ eingetreten.

Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki

Dort brannte der Liebling des Herausgebers Joachim Fest, dem er 1994 als jüngster Herausgeber des altständischen Blattes nachfolgte, ein Feuerwerk von Artikeln ab, die die Leser sofort an Vorbilder wie Friedrich Sieburg und Karl Heinz Bohrer denken ließen. Schirrmacher, der später ganz andere Bahnen betrat, begann als konservativer Revolutionär, dessen Helden Ernst Jünger, Stefan George und Rudolf Borchardt hießen, und der in provozierendem Gegensatz zur Gesinnungsästhetik der alten Bundesrepublik mit Lust das "gefährliche" Denken der deutschen Rechten neu erprobte. Damit fiel er auf, damit polarisierte er auf der Stelle. Nach drei Texten war der Mittzwanziger ein bekannter Mann im deutschen Journalismus.

Seine irisierende Intelligenz bewies Schirrmacher aber im selben Moment dadurch, dass er sich im Historikerstreit auf offener Bühne gegen seinen Mentor Joachim Fest wandte - mit neonationalem, revisionistischem Muff wollte der passionierte Leser einer tragischen deutschen Literatur nichts zu tun haben. Fest hatte die Größe, das zu schlucken, und der mächtige, mit Fest damals bereits zerfallene Literaturchef Marcel Reich-Ranicki, der Schirrmacher zunächst mit äußerstem Misstrauen betrachtet hatte, begann sich mit der Idee anzufreunden, dass hier ein begabter Nachfolger bereitstehe.

Dass er nicht nur ein schreiberisches, sondern auch ein taktisches Genie war, hat Schirrmacher nie verleugnet - er war sogar stolz darauf. Erst Nachfolger von Reich-Ranicki und danach von Joachim Fest zu werden, in einer sich im kleinen, verschworenen Kreis selbst ergänzenden Führungsgruppe, das war eine Leistung, die nicht nur auf seiner nie bestrittenen literarischen Höchstbegabung beruhte, sondern auch auf einer, man kann es nicht anders nennen, dämonischen Geschicklichkeit. Diese Geschicklichkeit aber war ein besonderer Ausdruck seines journalistischen Ingeniums, seiner Fähigkeit, kommende Dinge zu erahnen, neue Konstellationen zu entdecken, Alternativen zuzuspitzen und Positionen blitzschnell zu wechseln.

Reaktionen zum Tod von Frank Schirrmacher "Die Kultur verliert einen Freund"

FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher ist im Alter von 54 Jahren gestorben. Unzählige Menschen bekunden in den sozialen Netzwerken ihre Trauer. Die Reaktionen im Überblick.

Schon als Literaturchef, dann als Herausgeber machte er das Feuilleton zu einem zeitdiagnostischen Debattenschauplatz. Dass er am 1. Januar 1989, im Jahr der Revolution, zum Nachfolger Reich-Ranickis wurde, eröffnete ihm die erste der vielen Aktualitätschancen, die er mit revolutionärer Entschiedenheit nutzte. Von Fests Fehlern lernend, zog Schirrmacher in allen großen Feuilletonkriegen, die er seither anfachte - dem Streit um die Vergangenheit von Paul de Man, dem Literaturstreit um Christa Wolf, der Walser-Bubis-Debatte, der naturwissenschaftlichen Neuorientierung des Feuilletons - grundsätzlich alle Positionen ins eigene Blatt: Lagerkämpfe sollte es nicht mehr geben, sondern nur das eine große Welttheater.

Der große Auftritt, die überraschende Volte, durchaus auch die Machtgeste wurden zu seinem Register. Polarisierend wirkte er dabei nicht durch Positionen, sondern als Person. Dass er viele abhängte, viele verletzte und von vielen auch verlassen wurde, gehörte für ihn dazu. Noch als Student, als er schon entschlossen war, zur Zeitung zu gehen, vertraute er Freunden an, dass er "Sinn in diese Bundesrepublik" tragen wolle und dass er die Macht liebe. Beide Sätze verletzten um 1985 Tabus. Ihnen ist Schirrmacher aber treu geblieben, in einer Karriere, in der alles, was man auf Erden erreichen kann, schneller eintrat als in gewöhnlichen Lebensläufen.

Seine steile Karriere erfuhr aber 1996 einen Knick. Übelwollende hatten dem Spiegel ein paar interne Details aus Schirrmachers Leben gesteckt. Der Spiegel titelte "Überflieger im Abwind". Der Artikel begann mit den Worten "Er hat es gerne groß". Von "Superlativen im Sonderangebot" war die Rede. Noch schlimmer war, dass kurz zuvor elf Redakteure des FAZ-Feuilletons in einem Brief an Schirrmacher eine "beunruhigende Verschlechterung des Arbeitsklimas" konstatiert hatten. Das Büro sei ein Ort geworden, "den man morgens mit Beklemmung betritt und den man abends erleichtert verlässt".