W&V: Investigativer Journalismus Recherche zu verkaufen!

Nach vielen Sparrunden entdecken Verlage den investigativen Journalismus. Doch investieren Verlage tatsächlich oder etikettieren sie nur vorhandene Ressourcen PR-trächtig um?

Von Judith Pfannenmüller

Es gibt Begriffe, die klingen enorm bedeutungsvoll, sind aber schwer zu fassen und werden gerade deswegen gerne benutzt. "Qualitätsjournalismus" ist so einer. Er erfährt eine bemerkenswerte Renaissance ausgerechnet jetzt in Zeiten der grausam über die Redaktionen hinwegfegenden Sparwellen. Aus dem Munde von Verlagsmanagern klingt das mitunter so, als könne nun endlich wieder ordentlicher Journalismus gemacht werden, wo man die ganzen Luschen in den Redaktionen losgeworden ist.

Derzeit schwingen sich viele Medienhäuser öffentlichkeitswirksam in neue Qualitätsjournalismushöhen - den investigativen Journalismus. Rechercheteams bei Welt, WAZ, der Nachrichtenagentur DAPD, Stern und bald auch bei Focus. Der Beobachter reibt sich die Augen und fragt sich: Wo haben sich die Top-Rechercheure all die Jahre bloß versteckt? Und: Wird jetzt wieder recherchiert?

Fragen über Fragen

Grundsätzlich ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn Verlage in Recherche investieren. Vorausgesetzt, sie tun es wirklich. "Man muss abwarten, was Symbolik ist und was ehrliches Bekenntnis", sagt Thomas Leif, 1. Vorsitzender des Netzwerks Recherche. Ein paar Kriterien gibt es aber schon jetzt, um die Reporterteams daraufhin abzuklopfen, ob sie mehr sind als PR-Geklingel. Wer sitzt in den Teams? Werden vorhandene Redakteure umbesetzt oder neue Rechercheure eingestellt? Gibt es einen zusätzlichen Etat, oder wird er aus der Breite abgezogen und umverteilt? Aus welchen Ressorts kommen die Reporter und werden ihre bisherigen Positionen neu besetzt? Wenn nur umgruppiert wird, wo liegen die Vorteile zur bisherigen Organisation? Und wie zapft man als Springer-Redakteur Teile der Extra-Million für investigative Recherche an, die Vorstandschef Mathias Döpfner im Frühjahr in Aussicht gestellt hat?

Wo man in die Springer-Redaktionen auch hineinhorcht: Die Redakteure haben keine Ahnung, dazu wurde bislang "nichts kommuniziert". Ob investigative Projekte bereits aus dem Sonderetat gespeist werden - unbekannt. Für das Investigativ-Team der Welt um Jörg Eigendorf steht die Extra-Million aber auch nicht zur Verfügung, die wird Welt-intern finanziert.