Von Manfred Bissinger

Zwei Lager bei der Berichterstattung: Um Willy Brandts Ostpolitik stritten die Journalisten - und die Leser. So sollte Journalismus aussehen.

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander.

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"Krise durch großartige Leistungen überstehen" - Medienmann Manfred Bissinger plädiert für Qualität und Streitkultur. (© Foto: dap, AP, Quelle: sueddeutsche.de)

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In der zweiten Folge schreibt der Hamburger Publizist Manfred Bissinger.

Wer über die Zukunft des Journalismus nachdenken will, muss zuallererst den Blick auf die Gegenwart fixieren. Ich hatte dazu gerade ausgiebig Gelegenheit, denn der Zufall wollte, dass ich in die Jury des neu gegründeten Deutschen Reporterpreises gebeten worden war; gegründet im vergangenen Jahr von Cordt Schnibben, Stephan Lebert, Ariel Hauptmeier und anderen mit dem Ziel, der eigenen Profession zu neuem Glanz und Schwung zu verhelfen. Ein bisschen auch, so schien mir, um der anschwellenden Depression der schreibenden Zunft entgegenzuwirken.

Glänzende Reporter in wenigen Titeln

Finanziert wird der Preis von einer Stiftung, er ist unabhängig, weil von denjenigen vergeben, die ihn am liebsten auch selbst gewinnen würden, also keines der vielen Marketing-Instrumente, mit denen Verlage und Sender seit Jahren Aufmerksamkeit zu erheischen suchen.

Der Jury anzugehören, war nicht nur kurzweilig, es war auch erkenntnisreich. Von den 624 eingereichten Veröffentlichungen blieben nach Sichtung durch Vorjurys 48 Arbeiten übrig, die einen repräsentativen Blick auf unsere Zunft erlaubten, der mich froh stimmte, andererseits auch erschreckte. Froh, weil etliche Texte beste Recherche, ungewöhnliche Beobachtungen und scharfsinnige Analysen lieferten. Glänzende Reporterarbeit also.

Überlebenskampf in der Verlagslandschaft

Erschrocken, weil die preiswürdigen Arbeiten in nur noch wenigen Blättern erschienen waren. Die meisten in Spiegel und Zeit, die ihre Spitzenstellung bei der recherchierten Reportage immer weiter ausbauen, einige in der Süddeutschen Zeitung und dem dazugehörenden Magazin, wenige in brand eins, Focus oder Stern. In der publizistischen Ebene scheint der Ehrgeiz, erstklassige journalistische Arbeit abzuliefern, nur noch in Spurenelementen vorhanden.

Was folgern wir daraus? Dass der fast täglich prophezeite Untergang von Zeitungen und Zeitschriften schon tiefe Spuren hinterlassen hat (self fulfilling prophecy) und in der Verlagslandschaft ein Überlebenskampf tobt, in dem controllinggetriebener Sparwille gegen journalistische Inhalte ausgespielt wird?

Warum, so muss weiter gefragt werden, waren Frankfurter Allgemeine und Welt sowie die großen regionalen Tageszeitungen mit keiner oder gerade mal einer preiswürdigen Arbeit präsent? Haben die Journalisten aus Jobangst resigniert oder in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Kaufleuten die arbeitsaufwändigen Themen gar nicht erst in die Redaktionskonferenz getragen?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Journalisten offensiver auf die vertrackte Situation reagieren sollten.

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  1. Sie lesen jetzt Journalisten müssen Täter sein
  2. Qualität schafft Glaubwürdigkeit
  3. Für und wider Brandts Ostpolitik
  4. Kunst der Zuspitzung
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