Wechsel bei der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Die neue Sachlichkeit

Jürgen Kaube war bislang stellvertretender Leiter des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

(Foto: dpa)
  • Jürgen Kaube wird neuer Herausgeber der FAZ.
  • Der 52-Jährige wird Nachfolger von Frank Schirrmacher, der im Juni verstarb.
  • Seine Benennung markiert einen Klimawechsel bei dem Frankfurter Blatt.
Von Gustav Seibt

Der Zustand von Firmen und Institutionen lässt sich auch daran ablesen, wie ihnen die Nachfolge ihrer Chefs gelingt. Und da war die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die von fünf Herausgebern geleitet wird, in ihrer jetzt 65 Jahre langen Geschichte ein Musterbild an Reibungslosigkeit. Die meisten ihrer Herausgeber amtierten jahrzehntelang, und wenn sie in den Ruhestand gingen, stand ein diskret auserwählter Nachfolger bereit, fast immer ein Mitglied der Redaktion. Selbst bei den wenigen vorzeitigen Ablösungen ging es schnell und ohne Getöse.

Der frühe Tod des erst 54 Jahre alten Feuilleton-Herausgebers Frank Schirrmacher am 12. Juni stellte das System FAZ nun vor eine ungewohnte Herausforderung, nicht nur weil naturgemäß kein Nachfolger bereitstand, sondern auch weil Schirrmacher eine Ausnahmeerscheinung war, bewundert, gefürchtet, umstritten, aber jedenfalls ein Beweger, der die so traditionsbewusste Zeitung insgesamt stärker verändert hatte als die meisten seiner Vorgänger und Kollegen. Man entschied sich dafür, sich Zeit zu nehmen, und setzte den 66 Jahre alten Politik-Herausgeber Günther Nonnenmacher als Interimschef ins Feuilleton, was klug war, denn Nonnenmacher hat einen ausgleichenden Charakter und ist als Schüler des Politologen Dolf Sternberger, eine der Gründungsfiguren der FAZ, auch kulturell so satisfaktionsfähig, dass er dieser stolzen und empfindlichen Redaktion gewachsen ist.

Mann der Zukunft

Er war bei der FAZ Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki und Joachim Fest, war Gesellschaftskritiker und dabei nie nur klassischer Kulturmensch. Nun ist Frank Schirrmacher im Alter von 54 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Franziska Augstein, Andrian Kreye und Gustav Seibt mehr ...

Nonnenmacher, der eigentlich selbst schon in den Ruhestand hätte gehen sollen, bedang sich dafür eine entscheidende Mitsprache bei der Auswahl von Schirrmachers Nachfolger aus - normalerweise kooptieren die fünf (künftig vier) Herausgeber der FAZ die jeweiligen Neulinge, um sie dann von der Geschäftsführung bestätigen zu lassen. Nach der Aufsichtsratssitzung an diesem Dienstag wurde Schirrmachers Nachfolger bekannt gegeben, dessen Name schon lange kein Geheimnis mehr war: Jürgen Kaube, bisher im Feuilleton der FAZ für Forschung und Lehre, Sachbücher und Geisteswissenschaften zuständig, also für ein machtvolles Superressort in einem Blatt, das eine stark akademisch geprägte Leserschaft anspricht.

Kaube, 52, ist nur unwesentlich jünger als Schirrmacher, aber ein ganz anderes Temperament. Schon seine Herkunft aus dem sozial- und geisteswissenschaftlichen Journalismus (er war Mitarbeiter der FAZ seit 1992 und seit 1999 Redaktionsmitglied), bezeichnet einen Klimawechsel. Der Empathiker Schirrmacher war Literat und Philosoph, Kaube hat unter anderem bei dem Soziologen Niklas Luhmann studiert, ist Diplomvolkswirt und kann auch Bilanzen lesen - was bei den Sparanforderungen an die FAZ, die in den vergangenen Jahren massive Verluste verzeichnete, durchaus geboten ist. Natürlich ist Kaube, der aus der erstaunlichen Talentschmiede von Henning Ritters "Geisteswissenschaften"-Beilage (der auch Patrick Bahners und Dirk Schümer entstammen) den Weg zur Zeitung fand, auch ein kultureller Allrounder - er kann über Jean Paul, Friedrich Hebbel und Henry James brillant schreiben.

Leidenschaft der "Sachlichkeit"

Aber Kaubes intellektueller Stil ist nicht die heute vor allem im popkulturellen Segment wieder so beliebte, gern autobiografisch grundierte Einfühlung, sondern systemtheoretische Ernüchterung und die gebändigte Leidenschaft der "Sachlichkeit", wie sie Max Weber als geistiges Ideal verkündete. Über Max Weber hat Kaube in diesem Frühjahr ein äußerst kundiges und witziges Buch publiziert. Dort musste er natürlich auch über Webers Typologie der drei Formen legitimer Herrschaft berichten und hat damit auch schon die Schwierigkeiten beschrieben, die sich nach dem Abtreten von Ausnahmefiguren wie Schirrmacher ergeben.

Das Wirken solcher Charismatiker nennt Weber kühl "außeralltäglich", ihre Autorität beruht nicht auf Überlieferung oder formaler Legitimität, sondern auf den "außerordentlichen Qualitäten und Leistungen der Person", und das erlaubt es ihnen auch, die ihnen anvertrauten Mitarbeiter zu außeralltäglichen Anstrengungen zu motivieren. Nicht ohne Ironie zog Kaubes Buch hier das Beispiel des Dichters Stefan George heran, eines Hausgotts von Frank Schirrmacher, also den "Lyriker als Herrscher", wie Kaube es nennt.

So ein Regime lässt sich nicht einfach wiederholen, und genau darin lag die Herausforderung für die FAZ, das Inbild eines "traditional" (Weber) geführten Betriebs. Die Entscheidung für Jürgen Kaube hat also auch eine selbstreferenzielle Pointe, über die man nirgendwo so schöne Glossen schreiben könnte wie im "Geisteswissenschaften"-Teil des Frankfurter Blatts. Jeder, der es in den vergangenen 20 Jahren gelesen hat, weiß, dass Kaube kein blasser Theoretiker ist, sondern ein begnadeter Debattierer und Polemiker, der von seinen beiden geistigen Mentoren das literarisch Beste gelernt hat: von Luhmann die Ironie und von Weber die Leidenschaft, nicht zuletzt in der Verachtung für haltloses Geschwätz eines allzuständigen Feuilletonismus, den Max Weber immer wieder mit schönen Wortballungen wie "ästhetenhafter Snobismus von Bildungsphilistern und Literaten" brandmarkte.

So zulangen kann auch Jürgen Kaube - man lese seine außerordentlich lustigen Glossen in dem Band Otto Normalabweicher von 2007, der sich mit dem "Aufstieg der Minderheiten" im öffentlich-pädagogischen Diskurs beschäftigt. Wenn Kaube ein Buch verreißt, wächst kein Gras mehr, und das hat ihn in der akademischen Welt zu einer gefürchteten Instanz gemacht. "Dass eine wirklich gute journalistische Leistung mindestens so viel 'Geist' beansprucht wie irgendeine Gelehrtenleistung", verkündete Max Weber 1919 in seiner Rede "Politik als Beruf", und er erklärte auch warum: "Infolge der Notwendigkeit, sofort, auf Kommando, hervorgebracht zu werden und: sofort wirken zu sollen, bei freilich ganz anderen Bedingungen der Schöpfung." Das gilt immer, aber Kaube dürfte auch wissen, was darüber hinaus jetzt seine Aufgabe ist: befeuerter Alltag nach Blendraketen.