TV-Kritik Eine tiefschürfende Freundschaft

Blick in die Welt: Fred (Tilman Döbler, r.) und Jonas (Valentin Wessely).

(Foto: Julie Vrabelova/BR)

"Zuckersand" zeigt das Leben in der DDR in seiner Ambivalenz und hebt sich von anderen Historien-Filmen ab.

Von Cornelius Pollmer

Der Nachruhm von Sportlern verblasst in der Regel schneller als ihre letzte Urkunde, zu den größten unter den Ausnahmen gehört Emil Zátopek. Der Jahrhundertläufer wurde schon zu Lebzeiten staunend als "Lokomotive" beschrieben, nach seinem Tod trägt nun eine tatsächliche Zugmaschine seinen Namen: Emil Zátopek fährt heute als moderne Mehrsystemlokomotive durch Tschechien. Im deutschen Fernsehen immerhin wird an diesem Mittwoch mal wieder zu Ehren Zátopeks gelaufen. Das Erste zeigt Dirk Kummers Zuckersand, ein modernes Mehrsystemdrama, das beim Filmfest München bereits als bester Fernsehfilm des Jahres ausgezeichnet worden ist. Eine Entscheidung, die einem sofort aufgeht angesichts der wohlüberlegten Behutsamkeit, mit der Kummer dieses Drama gebaut hat.

Während Fred in die Leistungselite sprintet, verliert Jonas jeden Halt

Kern der Erzählung sind die Jungen Fred und Jonas und ihre in jeglicher Hinsicht tiefschürfende Freundschaft. In einer alten Fabrikhalle nahe der Mauer beginnen die beiden ein Loch zu graben in der schönen Vorstellung, dass sie nur lange genug zu schaufeln brauchten, um irgendwann in Australien herauszukommen. Fred (leuchtend gut: Tilman Döbler) und Jonas (leise gut: Valentin Wessely) teilen jenen Blick auf die Welt, der den allermeisten Erwachsenen auf dramatische Weise irgendwann verloren geht. Sie genießen ihre Träume und sie verstehen nicht die Zwänge, die das Leben ihrer Eltern zunehmend vergiftet. Freds Vater Günther, präzise zwischentonal dargestellt von Christian Friedel, ist zugleich liebender Vater und staatstragender Zollbeamter. Jonas Mutter, warm und stark besetzt mit Deborah Kaufmann, liebt nicht minder, hat aber einen Antrag zur Ausreise aus der DDR gestellt, was auch ihren Sohn über Nacht zum Staatsfeind macht. Trotz eines Verbots treffen Fred und Jonas sich weiter. Während Fred aber auf den Spuren Emil Zátopeks leicht- wie barfüßig in die Leistungselite der Kinder- und Jugendsportschule Friedrich Ludwig Jahn sprintet, verliert Jonas bald jeglichen Halt. Zuckersand, das ist ein rührend dramatischer Begriff dafür, wenn auf einmal alles erst ins Rieseln und dann ins Rutschen gerät, wenn die Umstände so mächtig werden, dass man nicht mehr davonlaufen kann.

Dramen über das, was die DDR-Propaganda als "Republikflucht" verbal zwangskollektivierte, gibt es viele. Dirk Kummers Zuckersand macht vieles deutlich besser als das Gros dieser Filme. Kummer fokussiert nicht den furnierten Funktionsapparat des Landes, sondern individuelles Leben. Dieses wiederum besetzt er nicht mit oft gesehen Holzschnitten - böser Grenzer, aufrichtige Kirchenleute - sondern in eben jener Ambivalenz, die auch das Leben in der DDR entgegen westdeutscher Geschichtsschreibungswut auszeichnete.

So ist die Sprache von Freds Vater Günther zwar heftig kontaminiert mit staatsbürgerkundlichem Unfug. Zu sehen ist aber auch ein Mann, der für seine Familie aufrichtig nur das Beste sucht. Und so ist Jonas' Mutter Olivia zwar fest in ihrem Glauben und auch in ihrem Willen, das Land zu verlassen. Zu sehen ist aber auch eine Frau, die unter dem gewalttätigen Irrwitz des politischen Systems der DDR panisch und fahrig wird.

Zu sehen sind schließlich die beiden Söhne, bei denen Kummer das Prinzip Kind nicht bis zum Klischee überreizt, was ratlose Sätze wie den folgenden von Jonas dann umso stärker stehen lässt: Warum, bitteschön, "ist bei Erwachsenen immer alles schwierig?" Auf diese Weise bekommt Zuckersand eine Relevanz, die über das schon gute Maß eines geglückten Historienfilms hinausgeht.

Zuckersand, Das Erste, 20.15 Uhr.