TV-Ereignis Olympia Helden des Sofas

Nie sind Niederlagen so niederschmetternd, Erfolge so überwältigend: Olympische Spiele sind ein TV-Mythos. Nun kann 16 Tage lang der Fernseher laufen. Selbst die windigste schwarz-rot-geile Berichterstattung kann dem Zuschauer den Spaß nicht verderben.

Von Thomas Hummel

Vor einer Woche stand am Fahrradparkplatz vor dem Hochhaus des Süddeutschen Verlags ein Kollege, ein ausgewiesener Musik-Experte. Er erzählte von seinem Urlaub mit der Familie, zwei Wochen werde er auf einer einsame Hütte in den Alpen verbringen. Ohne Fernseher. Sein Gesicht verfinsterte sich. Denn ein paar Tage zuvor hatte er bemerkt, dass sein Einsamer-Hütten-Urlaub genau auf Olympia fällt.

Da ging dem Fernsehzuschauer das Herz auf: Die talienischen Bogenschützen nach ihrem Gold-Schuss.

(Foto: dpa)

Wer wird denn heutzutage bekümmert sein, ein Sportereignis im Fernsehen zu verpassen? Jagt doch ein Fußballspiel das nächste Tennisturnier, Tour de France folgt auf Champions League, Zweitligaspiel auf Biathlon-Weltcup aus Sibirien. Alles live, stunden-, manchmal tagelang. Und dennoch: Der Kollege erhielt Beileidsbekundung. Mann, der arme Hund, Olympia und kein Fernseher!

Olympische Sommerspiele sind ein TV-Mythos. In diesen 16 Tagen dürfen Schulkinder selbst in vegetarisch-esoterischen Haushalten gleich nach dem Mittagessen die Glotze einschalten. Schließlich läuft einmal nicht der ewige Fußball, sondern Badminton oder Turnen oder Tischtennis. Und so trägt jeder seine Kindheitserinnerungen mit sich herum. Zumindest seit die öffentlich-rechtlichen Sender 1984 in Los Angeles mit der Rund-um-die-Uhr-Übertragungsstrategie loslegten.

Von damals sind zum Beispiel Erinnerungen an Pasquale Passarelli aus Ludwigshafen hängen geblieben: Im Kampf um die Goldmedaille im Bantamgewicht des Ringens führte er gegen den Weltmeister aus Japan deutlich, doch dann kam er in Rückenlage. Würde er mit beiden Schultern die Matte berühren, wäre der Sieg verloren.

Passarelli versuchte, sich durch eine Brücke vor der Niederlage zu retten. 80 Sekunden waren noch zu ringen, ewige 80 Sekunden. Passarelli verbog, verkrampfte seinen Körper, in Deutschland krallten sich die Finger ins Sofa. Der Japaner warf sich mit aller Kraft auf die Schultern von Passarelli, doch der wand und wehrte sich wie ein panischer Maikäfer. Als der Deutsche den Schlussgong hörte, blieb er regungslos liegen, seine Betreuer mussten ihm auf die Beine helfen. Als der Kampfrichter seinen Arm hob, sah Passarelli aus wie nach 24 Stunden Arbeit im Straflager. Auf Deutschlands Sofas wurde ein Ringer zum Helden.

Zugegeben, auf Deutschlands Sofas gab es am ersten Olympia-Tag von London 2012 keinen Helden. Zumindest keinen deutschen. Keinen Schwimmer wie Michael Groß, der damals in Los Angeles den obercoolen Amerikaner Pablo Morales auf den letzten zwei Metern noch überholte. Am Samstag sah man nur deutsche Schwimmer, die nicht wussten, warum sie so langsam waren. Schwimmer, die den olympischen Frust ins Wohnzimmer trugen.