Terror-Berichterstattung ARD-Mann Bartels: "Mir haben die Knie gezittert"

ARD-Moderator Matthias Opdenhövel musste Fußball kommentieren, obwohl er das gar nicht mehr wollte.

(Foto: imago/Chai v.d. Laage)

Sportreporter mussten die Terroranschläge in Paris kommentieren, weil ihre Nachrichtenkollegen nicht in die Gänge kamen. Als sie endlich loslegten, war der Shitstorm schon vorbei.

Von Filippo Cataldo

Menschen verarbeiten Traumata in der Regel in drei Phasen. Dem Schock folgt die so genannte Einwirkungs- und schließlich die Erholungsphase. Matthias Opdenhövel scheint sich am Samstagnachmittag bereits in der zweiten, der wütenden Phase, befunden zu haben, als er in Paris das Flugzeug nach Deutschland betrat. "Endlich im Flieger nach FRA... Danke für Schlaumeierkritik aus D. Tut gut nach so einer Nacht vor Ort im Auge des Terrors", twitterte der Moderator.

Bis nach Mitternacht ließ die ARD vor allem die Kollegen aus dem Sport über das noch andauernde Grauen berichten. Obwohl deren Informationsgrad im Stadion nicht wesentlich höher sein konnte als jener der Zuschauer vor dem Fernseher. Und doch musste Bartels berichten, wie er sich gefühlt habe beim Moderieren, mussten die Field-Reporter Fans und Offizielle nach deren Befinden befragen, mussten Opdenhövel und Mehmet Scholl, der sich mit leerem Blick auf den Moderationstisch stützte und zeitweise gar nicht richtig zu begreifen schien, was da passierte, im Studio die Zeit überbrücken - mit Fußball. Im ZDF erklärte derweil Heute-Journal-Moderatorin Marietta Slomka die Lage in Paris, sie berichtete über den Terror, die Folgen, die Reaktionen.

"Mit Worten nicht zu beschreiben und zu lösen"

Opdenhövel ist kein Nachrichtenmann, er kommt aus der Unterhaltung. Zusammen mit Mehmet Scholl bildet er bei Länderspielübertragungen das lustige Duo der ARD. Doch Fußball interessierte an diesem Abend niemanden mehr, wahrscheinlich nicht mal mehr den Fußball. Das Spiel war in der zweiten Halbzeit wohl vor allem fortgesetzt worden, um eine Massenpanik zu verhindern. "Das war eine perverse Situation. Ich war überfordert. Das ist das Schlimmste, was passieren kann, dass Menschen sterben während eines Sportereignisses. Es war grausam, mit Worten nicht zu beschreiben und zu lösen", beschrieb Kommentator Tom Bartels am Samstag seine Gefühlslage während des Spiels. Angesichts dessen erledigte er - genauso wie die Kollegen am Spielfeldrand und im Studio - seine Aufgabe sehr gut. Sie blieben Reporter, ohne aber zu vergessen, auch Menschen und selbst betroffen zu sein vom Unfassbaren. Sie waren da in was hineingeraten, wie die Spieler, wie die Fans, sie wussten gar nicht, wie viel Glück sie wohl gehabt hatten.

"Mir haben die Knie gezittert. Ich wollte nur, dass es zu Ende geht. Es war einfach nur furchtbar", sagte Bartels, "man wünscht sich, irgendwie erlöst zu werden."

Doch das dauerte. Es gab nach Spielschluss nichts mehr zu sagen über Fußball, da waren sich alle einig: Bundestrainer Joachim Löw, Kommentator Bartels, DFB-Manager Oliver Bierhoff, Scholl, Opdenhövel. Der wiederholte stetig, dass er nicht mehr über Fußball reden wollte - und musste doch eine Spielzusammenfassung nach der anderen ansagen. "Nach wie vor kein Wort über Fußball. Wir zeigen es Ihnen nur, um Zeit zu gewinnen für mehr Infos", sagte Opdenhövel. Durchaus ein Wink mit dem Zaunpfahl, vor allem an die Verantwortlichen zu Hause, doch bitte endlich die Nachrichtenprofis von ARD-aktuell in Hamburg ranzulassen und die aus dem Stadion noch undurchsichtigere Faktenlage ordnen zu lassen.

In der ARD sprach Martin Stranzl, bei CNN Barack Obama

Die Profis waren aber offenbar noch nicht so weit. Gegen 23 Uhr ging zunächst eine sehr kurze Tagesschau-Ausgabe auf Sendung, in der Sprecherin Susanne Daubner mit Paris-Korrespondentin Ellis Fröder sprach, doch dann mussten wieder die Kollegen vom Sport ran. Um Zeit zu gewinnen, zeigte man die Zusammenfassung des Spiels der deutschen U21, zeigte man die anderen Freundschaftsspiele, schaltete man sogar kurz ins Studio des "Sportschau-Clubs", einer Unterhaltungssendung, die abgesagt worden war. Da sprach dann der Gladbacher Profi Martin Stranzl. Zeitgleich übertrug CNN die Rede Barack Obamas und schaltete danach wieder live auf die Pariser Straßen; auch bei n-tv und N24 waren längst Sondersendungen in Gange, und im ZDF ordnete Marietta Slomka weiter in einer langen und sachlichen Sondersendung kompetent das zu jenem Zeitpunkt noch wenig Bekannte ein.

Und in der ARD? Wurde man das Gefühl nicht los, dass die Sportreporter da ziemlich im Stich gelassen wurden von der Zentrale und den News-Spezialisten. Während des Spiels war nicht mal ein Lauftext mit Hinweis auf die Attentate eingeblendet worden. Auch innerhalb des Senders gab es dafür Kritik. "Monitor"-Chef Georg Restle schrieb auf Twitter an die "lieben Kollegen" man möge bitte von weiteren Spielberichten absehen. "Es gibt Wichtigeres". Erst gegen Mitternacht übernahmen dann auch im Ersten die Nachrichten-Journalisten das Programm, mit einer - zugegeben - sehr professionellen und journalistisch guten Berichterstattung. Doch da war der Shitstorm schon vorbei, da waren Scholls Augen nur noch wie dunkle Löcher.

Der ARD-Chefredakteur verteidigt die Berichterstattung

Am Samstag begründete Kai Gniffke, der Erste Chefredakteur von ARD-aktuell, die Vorgehensweise im Branchenblatt DWDL.de so: "Zunächst sind viele Beobachter davon ausgegangen, dass das Stadion Schwerpunkt des Geschehens war. Entsprechend war es richtig, dass die Sport-Kollegen direkt von dort über die Ereignisse abseits des Spielfelds berichtet haben. In dem Maße, in dem die Erkenntnisse zunahmen, haben wir die Zuschauerinnen und Zuschauer durch Tagesschau-Sonderausgaben auf dem Laufenden gehalten und sind schließlich auf Strecke gegangen."

Da hatte Frankreichs Präsident François Hollande bereits den Ausnahmezustand verhängt und alle Grenzen schließen lassen.