"Tatort Internet" "In die Falle gelockt"

Schelte für Stephanie zu Guttenberg: Ein Mann wurde bei "Tatort Internet" vor laufender Kamera als potenzieller Kinderschänder entlarvt - und nun von einem Münchner Gericht verurteilt. Im Urteilsspruch kritisierte der Richter aber vor allem das umstrittene Konzept der Sendung.

Von Christian Rost

Im Oktober 2010 begann RTL2 seine umstrittene mediale Jagd nach mutmaßlichen Kinderschändern im Web, Patin des Projekts Tatort Internet war Stephanie zu Guttenberg, die Gattin des damaligen Bundesverteidigungsministers. 56 Männer wurden in der zehnteiligen Reihe von einem TV-Team zu Treffen mit vermeintlich minderjährigen Mädchen gelockt.

Medienhüter kritisierten, die Persönlichkeitsrechte der Beschuldigten seien in zwei Folgen nicht gewahrt, mögliche Täter seien teils erkennbar gewesen. Die öffentliche Debatte war aber eine andere: Rechtfertigt der Zweck die Show?

Nun geht es um die Resultate von Guttenbergs Jagd. An diesem Dienstag fiel am Münchner Amtsgericht das erste Urteil gegen einen mutmaßlichen Kinderschänder, der bei Tatort Internet ermittelt wurde. Das Strafgericht verurteilte den Mann wegen versuchten sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Das Gericht vertrat dabei die Auffassung, der Mann sei von RTL2 "in eine Falle gelockt" worden.

Richter Andreas Forstner hielt dem 42-jährigen Schlosser zugute, dass er von dem TV-Team "vorgeführt worden" war. Wenn die Polizei mit Lockvögeln arbeite, sagte der Vorsitzende, sei das schon grenzwertig. Das gelte für einen Sender, der seine Quoten aufbessern wolle, ganz besonders.

Der Angeklagte war noch nicht als Sexualstraftäter aufgefallen, bis er im Frühjahr 2010 bei einem Chat im Internet auf eine vermeintlich 13-Jährige traf. Hinter ihrem Pseudonym Sara steckte eine Journalistin, 46, die seit Jahren gegen Kinderschänder kämpft.

Im April 2010 vereinbarte sie mit dem Mann ein Treffen in München. In einem Café saß im Auftrag von RTL2 nicht die Journalistin, sondern eine Erzieherin, die 18 Jahre alt war und jünger aussah. Im Hintergrund lag das TV-Team auf der Lauer. Als der Augsburger begann, den Oberschenkel seines Opfers zu streicheln, gingen die Fernsehleute dazwischen.Das Gericht sah den versuchten Missbrauch als erfüllt an.

RTL2 sieht sich von dem Urteil bestätigt. Auf Anfrage hieß es, man begrüße "die Verurteilung von nachweislich straffällig gewordenen Tätern". Der Sender hatte die Daten der Männer an die Polizei weitergereicht. "Wie weiter mit diesen Personen verfahren wird, ist Sache der ermittelnden Behörden", so ein RTL2-Sprecher. Eine neue Staffel von Tatort Internet sei nicht geplant.

Andere Gerichte wollen sich mit den Fällen nicht beschäftigen. Von den insgesamt 56 Männern, die von den TV-Produzenten zu Treffen mit Mädchen gelockt wurden, müssen sich bislang nur zwei verantworten - ein weiterer Mann steht am 12. Juli ebenfalls in München vor Gericht.