"Spuren des Bösen: Racheengel" auf Arte Unter Generalverdacht

Wer hat den jungen Mann in den Suizid getrieben? Eva Ulmer (Hannelore Elsner) glaubt, genau zu wissen, was geschehen ist.

(Foto: © Petro Domenigg)

Wacklige Bilder, Spiel mit Licht und Schatten, Stille: In "Racheengel", dem zweiten Fall der Thriller-Reihe "Spuren des Bösen" auf Arte, bleibt Regisseur Andreas Prochaska seiner puristisch-psychologischen Erzähllinie treu. Klar ist in dem Film bis zum Schluss nichts - schon der Titel ist eine bewusste Finte.

Von Gerald Kleffmann

Nase an Nase. Backe an Backe. Atem an Atem. Wird sie ihn küssen? Er sie? Wer macht den ersten Schritt? Zigarettenqualm steigt auf. Stille. Atmen. Schales Licht. Dichter, penetranter kann die Kameraführung nicht sein. In diesen Sekunden, die privat sind, ja intim, und doch geheimnisvoll. Richard Brock, der Wiener Verhörspezialist, und Maria Ulmer, die Schwester des Selbstmordopfers Sebastian, lassen kurz ihre Masken fallen, geben etwas von ihrem geschundenen Ich preis.

Verfallen sie einander? Aber natürlich ist das nur wieder eine dieser falschen Fährten, die der Regisseur Andreas Prochaska im zweiten Teil der Krimiserie "Spuren der Macht" legt. Schon der Titel "Racheengel" ist eine bewusste Finte. Viele Menschen in diesem filmischen Kammerstück stehen ja unter Generalverdacht. Wer hat diesen jungen Mann in den Suizid getrieben? Klar ist nichts, bis zum überraschenden Schluss.

Schein und Sein, Fassade und Wirklichkeit, Albträume und Abgründe - der preisgekrönte Regisseur bleibt auch nach seinem Auftakterfolg vom Frühjahr, als über fünf Millionen Zuschauer "Das Verhör" im ZDF einschalteten, seiner puristisch-psychologischen Erzähllinie treu. Nicht die Action, nicht spektakuläre Wortwechsel voller Schlagfertigkeit, nicht Attitüden der Darsteller sind im Fokus, sondern das geistig Verborgene, das Düstere, das berühmte Päckchen, das jeder mit sich herumträgt in dieser immer komplizierter werdenden Welt.

Ein Mann (der großartige Florian Teichtmeister) besten Alters erschießt sich während einer Geiselnahme, bald tauchen Vorwürfe gegen den Toten auf. Kinderpornografie. Die Ermittlungen von Brock, selbst unter den Geiseln gewesen, nehmen ihren Lauf, und dass mal wieder Heino Ferch den stillen Seelenleser mit eigenen Narben darstellt, trägt den Film maßgeblich. Es drängt sich sogar der Verdacht auf, dass Heino Ferch, angeblich 1963 in Bremerhaven geboren und mit vielen Preisen ausgezeichnet, nur ein Alter Ego dieses Brocks ist.

Spezielle Machart

Es hat jedenfalls seine Berechtigung, dass Martin Ambrosch für seine Drehbücher angesehene Preise erhielt (Romy- und Thomas-Pluch-Drehpreis); und noch ist Zeit für weitere Ehrungen, der dritte Teil ist abgefilmt ist, wie immer in Co-Produktion mit dem ORF. Dass trotz des Quotenerfolgs "Racheengel" auf Arte erscheint, mag verwundern, doch passt der gut 90-Minüter bestens dorthin, in den nischigen Intellektuellenkanal.

Die Machart ist schon speziell, wacklige Bilder, viel Spiel mit Licht und Schatten, viel Schweigen, viel Stille, viel Ausdruck. Der Film nimmt sich Zeit für Momente, ist eine Vorführung für Couchpotatoes, die den Weg ins nächstgelegene Theater nicht schaffen und gerne ein Glas Rotwein dazu trinken, einen schweren Bordeaux. Nicht jeder wird vielleicht diesem fordernden Stil, den Prochaska diesmal besonders ausreizt, konsequent die erforderliche Geduld und Konzentration entgegenbringen. In der Flut an austauschbaren Krimis haben sich die Produzenten indes ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen.

"Spuren des Bösen" ist anders, aber nicht gekünstelt anders, um aufzufallen. Das ist ein feiner Unterschied. Sogar eine Hannelore Elsner (die mit Friedrich von Thun die Eltern des Opfers darstellt) ist ohne Elsner-Ego zu erkennen und lässt der zart und doch kraftvoll agierenden Ursula Strauss (die Schwester) den Vortritt als Diva Nummer eins.

"Spuren des Bösen - Racheengel": Arte, Freitag, 20.15 Uhr, 89 Minuten

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