"Spiegel" streitet über Nikolaus Blome Wechselsturm in Hamburg

Der neue "Spiegel"-Chef Wolfgang Büchner holt "Bild"-Mann Nikolaus Blome als seinen Vize, viele Redakteure des Nachrichtenmagazins sind empört. Nun könnte die Personalie womöglich sogar Büchners Start als Chefredakteur gefährden.

Von Johannes Boie und Claudia Fromme

"Eine Meldung und ihre Geschichte", heißt eines der schönsten journalistischen Formate im Spiegel. Darin geht es um kurze Nachrichten und die große Geschichte, die hinter ihnen steckt ("Wie eine blinde Engländerin ihren Mann in der Finsternis fand"). Das Prinzip funktioniert offenbar nicht nur im Heft, sondern auch in der Redaktion. Zum Beispiel ließe sich gerade gut der Artikel schreiben: Wie ein Chefredakteur seinen Stellvertreter benannte und dabei seinen eigenen Job gefährdete.

Die Meldung nämlich, dass Nikolaus Blome, 49, bislang stellvertretender Chefredakteur bei Bild, in der gleichen Position zum Spiegel wechselt, entwickelt sich zu einer sehr dramatischen Geschichte.

Womöglich kann der designierte Chefredakteur Wolfgang Büchner, 47, der Blome verpflichtete, deshalb sein Amt nicht wie vorgesehen am 1. September antreten. Denn vieler seiner künftigen Mitarbeiter sind wütend über Büchners Verhalten vor dem Start. Anfangs seien ihm viele offen gegenübergestanden, sagt ein Ressortleiter. Geändert habe sich das am Mittwoch, als Büchner die Personalie Blome den Ressortleitern verkündete: "Die Hoffnung im Haus, dass Büchner nicht mehr kommt, ist nun eine, die viele vertreten." Der neue Chef habe schon zu viel kaputt gemacht, sagt ein leitender Redakteur. Ein freundlicher Empfang sieht anders aus.

Unterschriftenlisten hingen vor der Kantine

Nur Stunden nach der Ressortleiterkonferenz am Mittwoch waren die 100 Unterschriften gesammelt, die notwendig sind, um eine außerordentliche Versammlung der Mitarbeiter KG, über die die Spiegel-Angestellten 50,5 Prozent am Verlag halten, einzuberufen. Die Unterschriftenlisten hingen vor der Kantine, am kommenden Mittwoch soll getagt werden.

Die fünf Vertreter der KG haben bereits einstimmig beschlossen, Blome als Vize abzulehnen. Ein Beteiligter sagt, dass man dies Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe noch vor der Ressortleiterkonferenz am Mittwoch schriftlich mitgeteilt habe. Jetzt soll Büchner der KG ein schriftliches Ultimatum bis Mittwoch gesetzt haben, sich positiv zu Blome zu äußern und ihm, Büchner, das Vertrauen auszusprechen. Was passiert, wenn die KG dem nicht nachkommt, ist unklar. Im Gegenzug wollen nun wohl mehrere Spiegel-Ressortleiter nach Berlin zu Büchner reisen, um mit ihm ein Gespräch über Blome zu führen.

Ob die Mitarbeitervertretung überhaupt das Recht hat, über die stellvertretenden Chefredakteure mitzubestimmen, ist unklar. Sie hat, ebenso wie die Geschäftsführung des Spiegel, schon vor Jahren Gutachten in Auftrag gegeben, die genau das klären sollen. Die Expertisen kommen zu gegenteiligen Ergebnissen. Geschäftsführer Saffe soll der KG aber vor längerer Zeit zugesagt haben, dass sie ein Mitspracherecht habe. So berichten es Mitglieder der KG. Im Fall Blome wurden sie offenbar nur in Kenntnis gesetzt. Vor zwei Monaten soll Saffe den fünf Vertretern der KG Blome als Vize vorgestellt haben. Darauf folgte die schriftliche Ablehnung. Weder die KG noch die Geschäftsführung des Verlags äußert sich offiziell zu dem Fall.

Wer beim Spiegel stellvertretender Chefredakteur ist, macht zumindest bislang regelmäßig das Blatt, gestaltet ganze Ausgaben, und bestimmt so auch über die inhaltliche und politische Ausrichtung des Magazins. Jetzt sorgen sich viele beim Spiegel, unter ihnen zahlreiche Ressortleiter, dass Blome als ehemaliger Springer-Journalist die Linie des Blattes verändern könnte. Es ist derzeit unklar, ob Blome auch von Berlin aus als Blattmacher arbeiten würde.

Jakob Augstein, Sprecher der Erbengemeinschaft von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, hat Blome öffentlich den Rücken gestärkt. Augstein und Blome bestreiten zusammen eine wöchentliche TV-Talkshow. Augsteins Schwester, Franziska Augstein, ebenfalls Erbin und Mitarbeiterin der Süddeutschen Zeitung, hält die Wahl Blomes dagegen für "einen groben Fehler" des designierten Chefredakteurs. Einen Journalisten, der öffentlich die NSA-Affäre heruntergespielt habe, in die Chefredaktion des Spiegel zu berufen, der genau darüber aufklärt, sei "ein Bubenstück". Über Büchner urteilt sie kritisch: "So viel Porzellan zu zerschlagen, bevor man überhaupt angefangen hat, zeugt nicht von kluger Führungsstärke eines Chefredakteurs."

Selbst Unterstützer bezeichnen Büchners Auftritt als ungeschickt

Viele Redakteure beim Spiegel sind empört über Büchners Kommunikation. Sein Auftritt am Mittwoch, bei dem er die Personalie Blome vom Blatt ablas, wird auch von Unterstützern des neuen Führungsteams als "extrem ungeschickt" bezeichnet. Ein Teilnehmer berichtet von einem "Schockmoment". Büchner soll auf viele Fragen, die sich auf die politische Linie des Spiegel mit Blome als Vize bezogen, geantwortet haben, er "verstehe die Frage nicht", er halte nichts von "Silodenken". Das eint ihn mit seinem neuen Vize. Der hatte in seinen Zeiten bei der damals erzkonservativen Welt den Beinamen "der Sozialdemokrat". Kollegen erinnern sich, dass Blome bei Podiumsdiskussionen wiederholt gesagt habe, von solcher politischer Gesäßgeografie halte er nichts. In Hamburg fragt man sich aber: Was bedeutet das, wenn ein eher profilloser Journalist Chefredakteur wird und ein profilierter Journalist mit konservativem Portfolio und Kanzlernähe sein Vize?

Weit weniger kritisch sehen viele beim Spiegel, dass Blome überhaupt kommt und dass er Büroleiter in Berlin werden soll. Eine weitere Führungskraft beim Spiegel sagt, das Blatt habe schon immer seine neuen Mitarbeiter stärker geprägt als andersherum. Blome sei keine schlechte Wahl. Die Lösung in dem Konflikt könnte es sein, Blome nur zum Bürochef zu machen, aber nicht zu Büchners Stellvertreter.

Damit wankt die Zukunftsstrategie des Spiegel, auf die das Blatt mit sinkender Auflage angewiesen ist. Aus Kreisen anderer Anteilseigner wird die KG unmissverständlich gewarnt: Wenn Büchner seinen Job nicht antreten könne, weil Blome verhindert werden solle, würde auch Geschäftsführer Saffe gehen. "Dann hat die Mitarbeiter KG das Unternehmen plattgemacht", sie hätte sich dann "moralisch selbst überlebt". Es gehe folglich bei der Frage, ob Büchner seinen Job antrete, letzten Endes "um die Existenz des Unternehmens".

Von Rhetorikprofis und Scherbengerichten

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