Was für ein Beruf! Wo sonst kann sich jemand - implizit und explizit - für Demokratie, Bildung und Gemeinwohl einsetzen, fein und massenwirksam zugleich? Allen Kaltherzigen und Nassforschen zum Trotz: Verbriefte Ideale wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit verknöchern nie. Sie sind Fernziele, auf die Journalisten aktiv hinarbeiten können. Auch, weil sie uns beseelen.

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Ideale sind per definitionem unerreichbar, aber Fortschritt ist der andauernde Versuch, darauf hinzuarbeiten. Berichten für das Wissen aller, für das Wohl aller, für den Fortschritt aller - das wäre ein schönerer Ehrgeiz als Flüchtiges möglichst schnell und laut zu verbreiten, davon bin ich überzeugt. Und Haltung wird sich als Alleinstellungsmerkmal für interessanten, guten Journalismus entpuppen, egal in welchem Medium.

Empfehlenswerter Selbstversuch

Um diese Gedanken aufzuschreiben, schaute ich übrigens in mein Bewerbungsschreiben an den WDR aus den frühen achtziger Jahren, ein sehr empfehlenswerter Selbstversuch. Es ging mir damals als Volontärin mit viel jüngeren Worten um dasselbe: Journalisten sollen Gewicht haben. Wir sollen dem Anliegen von Regierungen, von Eliten, von "Meinungsfrisören" widersprechen, die Welt in ihrem Sinne interpretieren zu lassen.

Sollen Werte vermitteln, ohne Utopieschnörkelei. Zum Beispiel faires Gehalt für ordentliche Arbeit. Eine sture Vorstellung von Anstand, Nachbarschaftlichkeit und Solidarität unter der Prämisse, dass andere uns ähnlich sind. Gönnen können. Gemeinsame Fragen entwickeln: Ist dieses System entschieden verbesserbar? Das alles muss nicht heroisch daherkommen.

Wozu Journalismus? Weil wir Handwerker der Verbesserung sind. Ich will eine sympathischere Gesellschaft, die allen Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem materiellen Status, ein würdiges Leben ermöglicht. Die die Umwelt nicht umbringt. Die keine Ideologien nötig hat. Und es schließt sich der Kreis: Kritische Journalisten lassen sich nicht von der Größe der Aufgaben erschrecken.

Sonia Seymour Mikich, Jahrgang 1951, seit 2002 Leiterin des ARD-Politmagazins Monitor. Zuvor ARD-Studioleiterin in Moskau und Paris und langjährige Auslandsreporterin. Für Berichterstattung in Russland und Tschetschenien mit Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Im Herbst 2010 erscheint das Buch "Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert" im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.

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  2. Keine Zeit zum Zweifeln
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(sueddeutsche.de/berr/cat)